Dear Frank,

I'm sorry to hear that Axel is no longer the co-editor of Härter, and I hope my poems he selected will still make it into the mag. Also, if you are looking for a new co-editor, I would gladly and enthusiastically offer my services. I'll be returning to live in Switzerland in May 2005 and will step down as the poetry editor of SUNSCRIPTS. I'm certain that my connections to the American literary scene would be of benefit. Let me know what you think. Bis bald. Daniele Pantano.         Mo 19.07.2004 22:58

Nach drei erfolgreichen & gemeinsamen Ausgaben mit Rude-Look-Herausgeber Axel Monte, dem an dieser Stelle nochmals großer Dank gebührt, hat die Härter einen neuen Co-Editor gefunden. Daniele Pantano. Herzlich Willkommen.

Intro    Frank Bröker

2005. Die Jahre vergehen. Die Zeiten werden härter. Die Bilder werden härter. Codes sind Klingeltöne aus dem Handtelefon. Vibrationsalarm für ein sinnfreies Leben. Ein Rhythmus-Gemetzel im Radio. Die gute Welt droht der bösen Welt mit Gnade. Eine übel riechende Selbstsezierung im Fernsehen. Doch Ferne macht glücklich. Kadavertourismus wird Brechmitteleinsatz. Die Steigerung des Irrsinns ist jederzeit möglich. Das letzte Blatt fällt im Frühling vom Baum. Durch wenige Meter Atmosphäre. Auf schwimmende Masse. Das erste Blatt fällt im Frühling vom Baum. Ein Stück bewegtes Leben wird gesucht. Ein Initialerlebnis. Eine Argumentationsfalle mit Wein als letzte, satte Theke vorm Erdmittelpunkt.

Ein Opfer seiner Selbstzensur ist der Mensch. Auch im Schlaf. Auf dem Zofenmarkt. Selbst im Gehen. Unter der Ägide missmutig dreinblickender Gelehrter. Auch im Schwanken. Im hörigen Rausch. Selbst im Fallen. Durch Orte, zum Durchgang verkommen.

Ich bin, Du bist, ein lebender Vorwurf. Wir wohnen in der einzigen Stadt, in der die Engel Urlaub machen. Früher waren
 
 

wir Schildkröten. Unsere Rucksäcke schleppten sich schwer, waren beladen mit Bierflaschen aus Zehnerträgern. Heute dagegen flehen wir die Engel um Schutz an. Doch die Engel machen Urlaub. Zwischen Tauwetter und Eiszeit. Sie sehen aus wie puppenhafte Autoren. In ihren knallbunten Strandhosen bleibt kein Platz für eine Gebrauchsanweisung zum Lachen. 2006.

Intro    Daniele Pantano

For Härter No. 11, I’m very excited to present some of America’s most talented poets, who, although appreciated, are much underrecognized: Peter Meinke, James Reidel, and Nicholas Samaras. Newer and emerging voices––writing from the core of American madness––are also included. Thanks to all of you for your wonderful contributions. To Frank: thank you for having the guts to invite an exiled Swiss to join the Härter gang.

A thought for 2005:
The world has entered a realm of complete and utter chaos. Times are hard. Life is brutal. And there is not much we can do about it. But let’s remember that there is one aspect of chaos we can embrace: the guarantee of creation––the rapid unexpected.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Hadayatullah Hübsch
Kitt (Tanger up in blue)
- für Florian Vetsch -

Manchmal verbreitet der Unter-
Gang der Sonne mehr Licht
Als ihr Aufgang,
Bisweilen wandern wir über steinerne
Treppen auf Maya-Tempel,
Um zu begreifen, dass wir nicht
Existieren, weil wir noch
Nicht so geworden sind,
Wie wir sein sollten,
Um zu sehen,
Wie wir werden könnten,
Wenn wir die Treppen hinablaufen
In Reue,
Ab & zu ist unser Herz ein Stein,
Und was uns dann überleben hilft,
Ist der Wunsch, es könnte der
Stein des Weisen sein,
Wenn er nur geschliffen würde,
Und hin & wieder kommen unsere
Worte aus einer Sphäre,
Die uns verstehen lässt, wozu
Sie gut sind, nach all
Dem Geplacke & Geackere in den
Niederungen des Verfalls,
In dem nicht nur Sumpfblüten strahlen,
Wenn wir die Gnade der Schau
Erleben dürfen,
Sondern auch Rubine wie Lippen,
Aus denen die Zukunft besteht,
Die bestehen wird,
Inscha-Allah.
 
 
 
 

 

Noëmi Landolt
im Gespräch mit Florian Vetsch

Wo Herakles einst die Kontinente trennte…

…da liegt Tanger. Die weisse Stadt an der Strasse von Gibraltar, wo Paul Bowles sein zweites (oder das einzig wahre?) Zuhause fand, wo Ira Cohen unter dem Pseudonym Panama Rose Haschischkonfektrezepte sammelte, wo William S. Burroughs „Naked Lunch“ schrieb, wo Mohamed Choukri im Gefängnis Schreiben lernte und Hadayatullah Hübsch zum Islam übertrat. Der St.Galler Autor Florian Vetsch hat mit Boris Kerenski zusammen Texte der Underground-, Beat-, Reise- und Drogenliteratur gesammelt und zu einer wunderschön gestalteten Anthologie zusammengefügt: „Tanger Telegramm – Reise durch die Literaturen einer legendären marokkanischen Stadt“.

Wann warst du das erste Mal in Tanger?

Das war 1993, während ich an der Übersetzung von Paul Bowles’ Gedichten arbeitete. Ich schickte ihm den ersten Drittel der übersetzten Gedichte und Bowles hat mich darauf nach Tanger eingeladen. In den Neunzigern bin ich dann jedes Jahr ein bis zweimal nach Tanger gereist. Ich hatte die Möglichkeit, den Mythos Tanger mit meinen Erfahrungen zu vergleichen. Die Übersetzungen von Bowles’ Gedichten habe ich schliesslich im Hotelzimmer, mit dem Sound der Stadt in den Ohren, fertig geschrieben.

Bei jeder meiner Reisen habe ich mehr über die Hintergründe der Stadt erfahren, neue Leute kennen gelernt, Bibliotheken und Buchhandlungen entdeckt. Tanger verfügt über eine gewaltige und reiche Literaturgeschichte, die jedoch kaum auf Deutsch vorliegt. 1999 kam Boris Kerenski aus Stuttgart auf mich zu mit der Idee, an der Ausgabe einer Literaturzeitschrift
 

zum Thema Tanger zu arbeiten. Das Ganze ist dann sozusagen explodiert und wurde zum Buch.

Wie ist euer Entscheid ausgerechnet auf Tanger gefallen? Andere maghrebinische Städte wie zum Beispiel Algier oder Marrakesch sind in der Literatur auch gut vertreten. Was ist so faszinierend an Tanger?

Joachim Sartorius hat vor ein paar Jahren eine Anthologie über Alexandria herausgebracht. Es wäre auch spannend, ein ähnliches Projekt mit Algier durchzuführen, eine kleine Anthologie über Marrakesch gibt es. Nun, Tanger verfügt über eine einmalige Fülle von Autoren aus dem Maghreb und der ganzen Welt, die dort, zumindest eine Zeit lang, gelebt haben und in deren Werken Tanger deutliche Spuren hinterlassen hat. Es ist die Internationalität, die Tanger so besonders macht. Tanger war von 1923 bis 1956 Internationale Zone mit Zoll- und Handelsfreiheit. Schon im 18. Jahrhundert hatte der damalige Sultan Tanger zur diplomatischen Zone erklärt, da er den schlechten Einfluss der Ausländer auf die Bevölkerung fürchtete. Sämtliche ausländischen Institutionen und Botschaften wurden nach Tanger verlegt, nicht zuletzt auch wegen der geografischen Nähe zu Europa, denn die Strasse von Gibraltar ist hier zwischen Afrika und Europa lediglich 14 Kilometer breit. Wenn wir aber noch weiter in der Geschichte zurückgehen, so erweist es sich, dass Tanger zu den ältesten besiedelten Gebieten Nordafrikas überhaupt gehört und dass sich Gründungssagen zu dieser Stadt in griechischen und hebräischen Mythologien finden. Tanger ist tatsächlich seit Jahrtausenden ein unverwechselbarer neuralgischer Punkt.

Im „Tanger Telegramm“ findet sich ein Interview mit Mohamed Choukri, in dem er einerseits vom Verfall der Stadt berichtet, anderseits Tanger als Phönix bezeichnet.

Das Interview stammt aus dem Jahr 1995. In den Neunzigern erlebte Tanger seine härteste Zeit. Die Stadtregierung war korrupt, liess die Gelder nicht fliessen und gewährte wenig Sicherheit. Gleichzeitig zog die Stadt viele Leute aus dem
 

Landesinnern und dem Süden an, die hofften nach Europa übersetzen zu können. Die illegalen Auswanderer sammelten
sich in den Bidonvilles der Stadt. König Hassan II., der 1999 starb, hatte die Stadt seit den siebziger Jahren nicht mehr
offiziell besucht. Er liebte traditionelle Städte wie Fes, Rabat und Marrakesch. Hassans Nachfolger Mohammed VI. hingegen machte Tanger wegen der kühlen Mittelmeerbrise zu seiner Sommerresidenz, die er jedes Jahr mit seinem Hofstaat besucht. Jeden Sommer werden grösste Sicherheitsvorkehrungen getroffen. In der Stadt wimmelt es nur so von Polizisten, eine kleine Armee schlägt ihre Zelte in den Wäldern um die Stadt auf. Die Gefolgschaft des Königs bringt Geld und Arbeit. So gesehen geht es Tanger wieder besser. Doch die Armut in den wuchernden Blechhüttenvierteln ist gross und die Lage der illegalen Auswanderer hat sich nicht verändert; im Schnitt sterben pro Nacht zwei bis drei Personen beim Versuch, nach Europa zu kommen.

Choukri ist der Meinung, dass es keinen Schriftsteller gibt, der einen „wirklich erhellenden und scharfsinnigen Text“ über Tanger geschrieben hat. Blättert man ein paar Seiten weiter im Telegramm, wird Choukri selbst von Alfred Hackensberger als „der einzig wahre Schriftsteller von Tanger“ bezeichnet. Verdient er deiner Meinung nach diese Bezeichnung?
Alfred Hackensberger hat das Gedicht mit diesem Titel kurz nach Choukris Tod im November 2003 geschrieben. Zweifelsohne hat Choukri Tanger unerhört

authentisch, aus eigener Lebenserfahrung, geschildert. In seiner Jugend war er Dieb, Schmuggler, Schuhputzer, Zuhälter und Dealer. Er bewegte sich in sozialen Schichten, die den meisten Exilliteraten vollkommen fremd bleiben. Die ersten Buchstaben lernte er als Zwanzigjähriger im Gefängnis. Wie der Baron Münchhausen hat er sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf gezogen. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt. In der NZZ habe ich ihn in meinem Nachruf als „Stimme von Tanger“ bezeichnet; er selbst hat sich auch dezidiert als Schriftsteller von Tanger gesehen, nicht etwa als marokkanischen, maghrebinischen, arabischen etc. Autor.
Sein Tod letztes Jahr ist sehr traurig. Choukri fehlt, denn er sprach laut gegen jede Art von religiöser Unterwerfung an. Seine Bücher waren nicht umsonst den Fundamentalisten in vielen arabischen Ländern ein Dorn im Auge, wurden ein Opfer der Zensur, über eine lange Zeit auch in Marokko. Doch
Choukri kritisierte den Westen nicht weniger scharf als die Politik des eigenen Landes oder die moralischen Restriktionen des Islam. Er hatte eine unabhängige Position.

Hier im Westen ist Paul Bowles Tangers berühmtester Schriftsteller. Ist es nicht schwierig, einen Nicht-Marokkaner als literarischen Vater einer marokkanischen Stadt zu sehen?

Für uns mag Paul Bowles der berühmteste Schriftsteller von Tanger sein. Immerhin hat er über 50 Jahre seines Lebens dort verbracht und zusammen mit seiner Frau Jane einen lebendigen literarischen Salon unterhalten. Doch für einen durchschnittlichen Tangerino ist Bowles nicht annähernd so wichtig wie etwa Ibn Battuta aus dem 14. Jahrhundert, der Marco Polo der arabischen Literatur, der aus Tanger stammte und dessen Grab noch heute in der Medina besucht werden kann.

Gibt es etwas, das dir besonders wichtig erscheint im Zusammenhang mit dem „Tanger Telegramm“?

Im Vorwort kommen wir darauf zu sprechen, dass Tanger den Ruf einer Terrorfabrik erhalten hat. Diesen Sommer hörte ich,

dass seit dem 11. September 2001 am Freitag auch in den Moscheen von Tanger härter gepredigt wird. Und es stimmt, dass mehrere der Attentäter von Madrid aus Tanger und Tetuan kamen, doch hatten sich diese Attentäter in der Phase ihrer Radikalisierung völlig von ihren Wurzeln abgeschnitten, waren oft jahrelang nicht mehr in ihren Familien oder unter ihren alten Freunden aufgetaucht; der Anschlag von Madrid rief denn auch in der Bevölkerung Marokkos eine tiefe Betroffenheit hervor, fand keine Unterstützung. Wer auf Tangers Geschichte blickt, entdeckt nämlich eine andere
Message: Tanger ist Internationale Zone auch ausserhalb der gleichnamigen historischen Epoche, eine kosmopolitische
Stadt, in der seit Urzeiten verschiedene kulturelle Identitäten koexistieren, spannungsgeladen und gewiss nicht immer friedfertig, aber eben doch mit- und nebeneinander. Die Fundamentalisten aber und ebenso die Anhänger der Theorie
vom „Clash of Civilizations“ bauen Feindbilder auf, die trennen wollen. Tanger jedoch zeigt, dass es auch anders geht.

Florian Vetsch und Boris Kerenski (Hrsg.), tanger telegramm, Reise durch die Literaturen einer legendären marokkanischen Stadt. bilgerverlag 2004. ISBN 3.908010.65.9. 450 Seiten. 31 €.

Mit Texten von Hans Christian Andersen, Mohamed Choukri, Malika El Assimi, Tahar Ben Jelloun, Gertrude Stein, Tennessee Williams, Paul Bowles, Allen Ginsberg, Juan Goytisolo u.v.v.a.m. Fotos, Zeichnungen und Collagen von Stephen Aiken, Rolf Winnewisser, Daniel Schmid, Brion Gysin, Ira Cohen, Cherie Nutting, Helmut Federle und Vitorio Santoro.

Tanger-Telegramm-Crew: Ricco Bilger + Florian Vetsch + Dario Benassa + Boris Kerenski
Foto: Susanna Kulli
 
 
 
 
 
 

 

Markus Prem
Callboy

Kaum stand ich unter der Dusche, läutete das Telefon. Wie immer. Ich brauchte bloß die Hosen hinunterzulassen, um meine unverdaubaren Stoffe dem öffentlichen Kanalisationssystem zu überantworten, schon läutete das Telefon. Rasierte ich mich, läutete das Telefon. Wusch ich mein dreckiges Geschirr, läutete das Telefon. Putzte ich mir die Zähne, läutete das Telefon. Das ging so weit, dass ich das Telefon bereits beim Ficken und Onanieren in Griffweite hatte. Es konnte ja der Kremel sein. Oder Hermes Phettberg. Vielleicht sogar Arnie, der Governator. Man konnte nie wissen. Nicht einmal erst war ich kurz vorm Höhepunkt mit dem vertrauten Klingelton meines Handys vom erlösenden Kurs abgekommen. Aber ich bin nicht nachtragend. Auch wenn der Anrufer nur in den seltensten Fällen zur Steigerung meiner Erregungskurve beitrug. Was wohl niemand bemerkt hätte. Normalerweise bin ich ein ruhiger Mensch. Und Mia Farrow außer Reichweite.

Nach dem vierten Klingeln öffnete ich die Duschkabinentür. Man will ja wichtig erscheinen. Ein Blick aufs Display sagte mir, dass ich mir den Schwanz ruhig weiter mit Duschgel hätte massieren können. Aber der Erschlaffungsgrad war bereits zu weit fortgeschritten. "Ich dusche gerade", begrüßte ich den Anrufer. "Was, schon wieder? Hast du nicht erst gestern geduscht?" Ich wusste, dass es auch Stinker in meinem Freundeskreis gab. "Es ist Sommer. Und da schwitzt man leicht" versuchte ich mich zu rechtfertigen. "Du und schwitzen!" stichelte der Störenfried. Aber es stimmte. Manchmal rühmte ich mich, dass ich sehr schwer schwitzen würde. Was wahrscheinlich an meiner geringen Körpermasse oder einer zu geringen Anzahl von Schweißdrüsen lag. Die Aussage meines Freundes bestätigte wieder mal die allgemein bekannte Vermutung, dass das Gehirn dazu im Stande ist, sich tausende unwichtige Kleinigkeiten zu merken. Wo darin der evolutionäre Vorteil gegenüber anderen Schnabeltieren lag, blieb mir leider verborgen. Wahrscheinlich hatten wir einfach zu viel Arbeitsspeicher im Oberstübchen.
 

Man sah ja, wohin das führte: Fast Food. Tamagotchis. Neutronenbomben. Ein denkender Scheißhaufen.

"Was gibt's?", versuchte ich abzulenken. "Kommst du heut noch auf die Uni?" "Ne, glaub nicht. Werd mich ins Freibad legen und den wippenden Bikinis hinterher starren". "Gehst du allein?" "Klar. Will ja Erfolg haben!" Meine patzige Antwort zeigte Wirkung. "Oh, ich dachte, wir könnten vielleicht zusammen etwas unternehmen". "Ne. Heut nicht. Vielleicht ein ander Mal". Es war nicht leicht, sich die Meute vom Hals zu halten. "Na gut. Dann noch einen schönen Tach". Ich atmete innerlich auf. "Danke. Dir auch". Ich legte auf. Das Duschgel wartete schon.
 
Ronald Klein
Am Rande der Berliner Mitte

Der Weg ist unregelmäßig gepflastert. Zwischen den Steinen, die schwitzende Bauarbeiter in den Sand hauten, sprießen immer wieder Wurzeln hervor. Im Dunkeln ist es für Ortsfremde fast wahrscheinlicher, lang hinzuschlagen als elegant das Ziel des Weges zu erreichen. Für mich nicht. Für Dieter auch nicht. Er stand eines Abends genau wie ich neben mir. An der Imbissbude gegenüber der Schwimmhalle. In seiner Hand ein Berliner Pilsener. Bestimmt nicht sein erstes. Er sei Freigänger, erzählte er mir. Ich erschrak. Aus der Klappse, ergänzte er. Dann bat er mich um Kleingeld. Er sei Alkoholiker, fügte er entschuldigend hinzu. Ach so, na dann – kein Problem. Seitdem ist Dieter mein ständiger Begleiter. Er hört zu, wenn ich ihm von meinem Viertel erzähle, aus dem ich es nie herausgeschafft habe. Die unregelmäßig gepflasterten Wege stellten in meiner Kindheit einen Schutz vor der „feindlichen Übernahme“ dar. Um nichts in der Welt sollte sich der Kiez verändern.

Dieter gluckst, wenn ich ihm diese Passage zum wiederholten Mal erzähle. Ich weiß nicht, ob er sich an seinem Bier verschluckt hat oder amüsiert ist oder beides. Ich halte mit dem Erzählen inne und nehme einen tiefen Zug aus der
 
 

filterlosen Zigarette. Es brennt in der Lunge. Dieter kratzt sich am Sack, ich huste und suche gleichzeitig nach der Fernbedienung, die schließlich unter einem Kissen auf dem Sofa auftaucht. Irgendwann, als ich noch zur Schule ging, machten die ersten Bars mit Holzvertäfelungen auf. Innen lief moderne Musik und wenig später sahen die Gäste so aus, wie ich sie nur aus TV-Seifenopern kannte. Ich dachte, sie seien der Phantasie lebensfremder Redakteure entsprungen. Doch es gab sie wirklich. Mir war nicht klar, wer zuerst da war. Die Phantasie der Redakteure, die über den Umweg Fernsehen Realität erschuf oder die Gestalten, die den TV-Heinis als Vorbilder dienten. Ich tippte auf ersteres. Zu ihnen gesellten sich später die Studenten. Komischerweise kamen sie wunderbar miteinander aus. Ich hatte vorher unheimlichen Respekt vor Studenten gehabt, was wohl daran lag, dass ich keine persönlich kannte. Ich war ziemlich enttäuscht. Sie sahen alle aus, wie die Typen, die nie zu den Partys eingeladen wurden. Blass im Gesicht, mit Ledertaschen unter den Arm geklemmt. In den Bars lasen sie Zeitungen und schlürften Milchkaffee. Schließlich kamen als dritte die Dichter hinzu. Hörte man jedenfalls. Optisch unterschieden sie sich weder von den Seifenopern-Jugendlichen noch von den Studenten. Insofern erwies sich die Zuordnung als schwierig. Es wurde gemunkelt, dass sie bereits mittags Bier tranken. Jedoch nie an den Imbissbuden, wo Leute jenseits der vierzig – aussehend wie sechzig – bereits seit morgens ihre Lebern trainierten. Was sollten sie auch sonst tun? Fernsehen?

In den Zeitungen nannten sie die Dichter „die jungen Wilden“, was wohl am mittäglichen Bierkonsum gelegen haben muss, denn ihre Texte waren handzahm. Sie pöbelten gegen die Alkoholiker an der Ecke. Aber letztendlich prügelten sie nur auf die ein, die ohnehin schon unten lagen. Wir versuchten die Opfer zu rächen, indem wir dem studentischen Seifenoper-Dichter-Pack ihren Milchkaffee über den Latz kippten und den Reim „Ey, wir sind hier nicht im plüschigen Wien, sondern in 1017 Berlin!“ von uns gaben. Das war der Anfang unserer Dichtkunst. Natürlich änderte auch dies wenig. Dieter meint, dass wir uns damals das erste Mal begegnet seien. Er war sich nicht sicher, ob an der Imbissbude oder auf dem
 

Arbeitsamt. Letzteres halte ich für ausgeschlossen. Ich wollte schon gleich nach der Schule Rente beantragen.

Wenn ich Dieter heutzutage zu Partys mitbringe, schauen uns Gastgeber und Gäste komisch an. Wir setzen uns in der Küche in eine Ecke, kippen den ersten Träger in uns rein, um das Level zu halten. Aus dem Küchenradio scheppert „Man in Black“. Johnny Cash klingt schwach auf der Brust. Wir sind Verbündete. In dem Punkt zumindest. Stunden später versuche ich die Küche anzuhalten, die sich pausenlos um meinen Körper dreht. Meine alten Freunde schauen mich verständnislos an. Es ist längst 2 Uhr. Dieter und ich sind die letzten Gäste. Wir sind wohl die einzigen, die am Sonntagmorgen weder auf den Flohmarkt gehen noch einen Spaziergang machen. Wir schlafen bis mittags und beim Frühstück, das aus Abtrinken besteht, erzähle ich Dieter von früher. Er gluckst dann ganz komisch und ich weiß nicht, ob er sich am Bier verschluckt hat, amüsiert ist oder beides. Jemand sagt mir, ich solle vielleicht weniger trinken. Ich nehme ihn freundschaftlich in den Schwitzkasten und gestehe ihm, wenn ich es richtig brauche, gebe ich es mir auch intravenös.

Dieter trägt mich nach Hause. Er verträgt viel mehr als ich. Das imponiert mehr. Er erzählt nur wenig von sich. Er meint, dass es nichts ändere. Da hat er zweifelsohne Recht. Ich bewundere Dieter für seine fast buddhistische Weisheit. Er leert tagein, tagaus eine Vodka-Flasche und wirft sie abends in den Container. Nur, um am nächsten Tag das gleiche zu tun. Ich lasse die Flaschen im Zimmer stehen, weil ich auf dem Weg nach unten nicht meinen Nachbarn begegnen möchte. Ich erzähle Dieter eine Geschichte von früher. Diesmal gluckst er nicht. Sie haben ihn ruhig gestellt. Er liegt apathisch im Bett neben mir. Der lächelnde Pfleger reicht mir die Medikamente. Ich glaube, wir haben früher vor dem Imbiss rumgehangen. Ich erzähle ihm davon, wie wir „feindliche Übernahmen“ abwehrten und er lächelt. Er erinnert sich. Wir sind Kumpels.
 
 

 

Andreas Schmitt
Charles Bronson ist tot!

Das Fertiggericht tanzte im kochenden Wasser hin und her
die Stehlampe neben meinem Sofa strahlte schwach
Nachbarn warfen ihre Türen zu
machten sich auf den Weg zu ihren sinnlosen Jobs

als sie’s in den Nachrichten brachten:

Charles Bronson ist tot!

Mir lief`s eiskalt den Rücken runter
und das Fertiggericht explodierte.

 

Thomas Schweisthal
Excalibur

Der Kleine zeigt mir sein Schwert aus Holz
und ich sage, da hast du aber ein prächtiges Schwert
er besieht sich sein Schwert und meint
ja, es hat einen schönen Griff
aber die Schneide ist schmutzig
ich sehe, daß an der Spitze des Schwertes Dreck klebt
und frage ihn, ob er sein Schwert in die Erde gestoßen hätte
er sagt, nein, das war der Onkel Markus
weil ich mit meinem Schwert in der Luft
hin und her gefuchtelt habe
es ist nicht mehr schön, mein Schwert
ich sage, das kann man abwaschen
dann ist es wie neu
und er sagt, nicht alles kann man abwaschen
und ich denke mir, verdammt, da hast du
verdammt recht
aber es fällt mir nichts mehr ein
was ich ihm noch sagen könnte
und deswegen erzähle ich ihm die Geschichte
von Merlin und dem Schwert Excalibur
und vom starken Artus, der dann König wurde

und dann huscht ein Lächeln über das Gesicht des Kleinen
und er sagt, ich bin so stark, daß ich drei Schwerter aus
drei kleinen Steinen ziehen könnte
und ich sage, gut so, dann bist du der Vater des Königs
der König und der Sohn des Königs
und jetzt ist der Kleine restlos zufrieden
und ich auch.

 

Gregory Vance Smith
Crucifixion Blush

Crucified on your Tampax
cross, I bleed nowhere.
No everlasting life drops
from your smile.

Your teeth shine.  Burn

an excuse, shred a prayer
flag, and breathe
the incense of sunburned
ground.  Blood

steals my life.  You

chew then spit my food,
flesh, and being,
so I swim in the drain
emptying, consumed,

choking on the waste of you.

Gregory Vance Smith doesn’t give a fuck. Poetry is words—passive, life eluding in an active way. Death matters, but doesn’t. All is an active superlative. The finite falls in night folds like a sundress falling from firm breasts; an itch and wine uncover the secrets best left still. Biographical snapshot in Tampa, Florida, rots: the itch and wine don’t give a fuck. All is dead and passive.

 

Florian Vetsch
Es Wurde Härter In Zorahs Bar
(Routine 4 Frank)

In Zorahs Bar am Rand der Altstadt waren am 30. Dezember 2004 die Lichter bereits heruntergedimmt, als plötzlich ein Knall die dröge orientalische Musik zerfetzte. „Das kannst du morgen machen, die Dekoration ist für morgen! Du bist doch ein blöder Jugo“, zischte die marokkanische Bardame vor dem Tresen einen hochgewachsenen Kerl an, der mit zwei Kumpanen weit nach Mitternacht noch in die Bar gestolpert war und mit seiner Zigarette einen Ballon an der Decke zum Platzen gebracht hatte. – „Und du, was bist denn du?“, bäumte der sich vor ihr auf. – „Ich bin eine Frau!“ – „Und ich bin ein Mann!“ – „Aber ich bin die Chefin! Wenn Zorah nicht da ist, bin ich die Chefin, und ich will nicht, dass ihr die Einrichtung kaputt macht.“ – „Wenn du nicht auf der Stelle von deinem hohen Ross herunterkommst, kannst du was erleben!“
Da wurde es unruhig im Hintergrund, und Gonzo mischte sich ein, der langhaarige Ex-Rocker, dessen sturzbetrunkene Freundin vor wenigen Minuten allen zugeschrien hatte, er sei der beste Mann auf Erden. Nach einem rasch erledigten Wortgefecht teilte ihm der Hüne eine blitzschnelle Maulschelle aus, die Gonzo radikal enragierte. Doch die zweite Marokkanerin rannte hinter dem Tresen hervor und fiel ihm in den Arm, während die erste wie eine Furie den Schläger verbal paralysierte und – allerdings vergeblich – abzudrängen versuchte; seine Kumpane bildeten vor dem Eingang eine Mauer, eine Flasche kam kurz ins Spiel, Rufe nach der Polizei wurden laut, Gonzos Freundin hatte sich längst aus dem Staub gemacht. Immer wenn die Kampfhähne im Gewoge aneinander gerieten, flogen die Fäuste. Das Geschehen drängte auf die Strasse, das Heulen, Schreien, Schnaufen der Körper, die Knuffe wurden lauter. Schliesslich landete der Hüne mit seinen Kumpanen in einem Auto, sie hauten ab, liessen einen blutigen Gonzo und zwei atemlose Marokkanerinnen zurück.
Eine Streife kam, die Polizisten vernahmen die Frauen, die letzten Gäste hatten sich verzogen, sogar Gonzo.
Kaum war die Streife fort, rollte auf leisem Motor ein schwarzer Wagen vor. Ausstieg Lex, Zorahs Freund. Er hörte

sich schweigend an, was geschehen war, gab die Autonummer des Schlägers, welche die Marokkanerinnen notiert hatten, in sein Handy ein, ermittelte dessen Adresse und wusste, was zu tun war. Leise verschwand sein schwarzer Schlitten in der Nacht.
 
Andreas Graumann
Weltanschauung

Henry saß am Fenster. Genau genommen saß er an einem Tisch, der am Fenster stand, und aß. Aber er hatte einen guten Ausblick auf die Straße unter ihm. Menschenmengen drängten durch die Straßen. Er sah genau hin. Nein! Es waren Alligatoren, Affen, Geier, Elefanten, Flöhe, Elstern und Kröten. Er sah zu wie die Flöhe die Affen befielen, die dick und dumm Bananen fraßen und sich am Kopf kratzen, noch bevor sie von den Alligatoren gefressen wurden und ihnen von den Geiern das letzte Fleisch von den Knochen genagt wurde. Die glänzend-weißen Knochen wiederum holten sich die Elstern um sie den Kröten zu verkaufen, die von den Elefanten, die selbst nichts machten, niedergetrampelt wurden, bis sie schließlich ausgestorben waren. Alle waren von den Flöhen befallen, kratzten sich ununterbrochen und die aufgekratzte, blutende Haut glänzte in der Sonne, ihre blutenden Seelen verflogen in den Weiten des Landes. Nur die Alligatoren konnten den Flöhen noch trotzen, hielten sie sich doch die meiste Zeit im Wasser auf. Doch der Rest riss sich die Haut auf und kratzte sich zu Tode. Die Flöhe starben an Unterernährung und die Alligatoren begannen sich selber zu fressen bis nur noch einer über war, der einsam starb. Und selbst die Ratten, die sich im Untergrund aufgehalten hatten, selbst diese Überlebenskünstler, starben an Verzweifelung und Einsamkeit.

Alle starben und das Land lag brach.
Henry saß immer noch am Fenster und sah zu, wie die Sonne aufging. Sie durchbrach die unendliche Kälte, brachte Wärme und gab Hoffnung für einen Neuanfang.
 

 

Carsten Brinzing
Eins zu Eins

„Was bedeutet das?“ Sie zeigt auf das Tattoo an seinem Arm. „Die Billardkugel mit dem 1 : 1 darauf“? Er zuckt mit den Schultern. „Jetzt sag schon.“ „Das sind die Chancen.“ „Die Chancen?“ „Ja, die Chancen, dass was Neues passiert.“ „Hm.“ Der Tabak knistert. Sie kaut an ihren Fingernägeln. Irgendwo weit draußen auf dem Wasser blinkt ein Licht. Ruhig. Gleichmäßig. „Und wenn nichts passiert?“ Er schaut sie an. Sie zieht an ihrer Zigarette. Er schaut aufs Wasser hinaus.

Einige Stunden früher. Stefan legt den Hörer auf. Langsam. Wie im Traum. Er geht den Flur entlang, die Dielen knarren. Er macht die Tür auf. Kalt. Dunkel im Treppenhaus. Irgendwo Musik. Es riecht modrig. Er fröstelt. Er steckt etwas Geld ein, nimmt die Jacke vom Haken, einen Schal, geht die Stufen runter. Langsam. Wie im Traum. Er steigt ins Auto, legt eine Kassette ein, macht Licht an. Dreht Musik auf, drückt sich in den Sitz, fährt los. Die rote Nadel hebt sich langsam, Stefan hält den Fuß still, Häuser schießen vorbei, er drückt den Fuß weiter nach unten, die Nadel steigt, steht fast senkrecht, er sucht nach der Zigarettenschachtel, seinem Feuerzeug, eine blau-gelbe Flamme schießt auf, er atmet tief ein, bläst den Rauch ins Dunkel zwischen sich und der Scheibe.
Vergessen. Alles vergessen was sein Leben bisher war. Er drückt das Gaspedal durch, Sturzflug, keine Schwerkraft, die Zeit setzt aus, er zieht an seiner Zigarette, und die Nadel steigt. Stetig. Langsam. Unaufhaltsam. „Break on through“, die letzten Lichter der Stadt fliegen vorbei, „break on through, break on through to the other side.“
Eine Raststelle. Stefan muss pissen. Er fährt raus, parkt, geht auf die Toilette. Als er zum Auto zurückgeht, kommt junge Frau auf ihn zu. Kurze dunkle Haare, schwarze Lederjacke, Tasche über der Schulter. „Wohin fahren Sie?“ „Wo willst du hin?“ „Ans Meer.“ „Komm mit.“ Sie wirft ihre Tasche auf den Rücksitz, setzt sich neben ihn, schnallt sich an. „Wie heißt du?“ „Rebecca.“ „Ich bin Stefan.“ In ihrem Nasenflügel ein kleiner Ring. „Kann ich hier rauchen?“ „Klar.“
 

Stefan macht die Augen auf, die vergilbte Decke des Wagens, dicke graue Wolkenballen über dem Strand. Er dreht sich auf die Seite, döst weiter. Die Tür klappt, er schaut sich um. Rebecca zieht die Kapuze über den Kopf, geht um das Auto herum, runter zum Strand. Er legt die Finger gegen die kalte Scheibe. Sie läuft zwischen seinem Daumen und dem Zeigefinger zum Meer hinunter, versinkt langsam in seiner Hand. Ein paar Möwen treiben gelangweilt über den Strand, er tastet nach der Schachtel Zigaretten, zieht eine heraus, zündet sie an, der Tabak knistert leise. Rauch kräuselt sich still zur Decke. Stefan fallen die Augen zu. Die Tür geht auf, kalte Luft schlägt herein, Rebecca setzt sich neben ihn, steckt die Hände in die Jackentaschen, fröstelt. Stefan hält ihr seine Zigarette hin, sie zieht eine Hand aus der Tasche, nimmt einen tiefen Zug, lässt den Rauch langsam aus der Nase strömen. „Fahr’n wir weiter?“ „Ja.“ Er hustet. Rutscht im Sitz hoch. Streckt sich. Lässt den Motor an. Der Kies knirscht unter den Rädern, er macht Musik an, sie schlingt die Arme um den Körper, vergräbt ihr Kinn unter dem Kragen der Jacke. In großen Abständen kommen ihnen Autos entgegen. Ein paar Tropfen zittern über die Scheibe, Stefan schaltet die Scheibenwischer ein, kurz darauf prasselt der Regen heftig auf sie herunter, Stefan dreht die Heizung hoch, warme Luft bläst ihnen entgegen, die Straße versinkt im Grau, die Scheibenwischer zucken hin und her, sie dreht die Musik lauter, zieht ihre Jacke aus.
„Kokst du?“ „Manchmal.“ „Ich hab was dabei. Willst du was? „Ja gerne.“ Rebecca zieht ein Stück Aluminiumfolie aus der Tasche, klappt das Handschufach runter, schüttet weißes Pulver darauf. „Hast du ein Messer?“ Stefan überlegt. „Im Handschuhfach sind Spielkarten. Das müsste reichen.“ Sie schiebt einige Kassetten zur Seite, Tempos, Kaugummipackungen, nimmt die Karten heraus, hackt mit einer von ihnen vorsichtig durch das Pulver. Sie macht zwei Streifen, zieht ein dunkles Röhrchen aus der Tasche, saugt einen Streifen in die Nase, drückt sich in den Sitz, hält Stefan das Röhrchen hin. Er bremst, fährt an den Straßenrand, lehnt sich über ihre Knie, saugt den zweiten Streifen auf, wischt sich die Nase, gibt Gas, die rote Nadel steigt, der Strand fliegt vorbei, einzelne Bäume, sie rutscht im Sitz tief nach unten, legt die Füße aufs Armaturenbrett.

„Sag mal. Wo wolltest du eigentlich hin?“
„Was?“
„Wo genau wolltest du hin? Hamburg? Rostock? Rügen?“
„Einfach ans Meer. Hab ich doch gesagt.“

Sie zündet sich eine Zigarette an, wirft das Feuerzeug ins Handschuhfach. „Was willst du für Musik?“ Rebecca überlegt kurz. „Massive Attac.“ „Welche?“ „Mezzanine.“ „Liegt auf dem Rücksitz. In dem Karton.“ Sie dreht sich um, greift nach hinten, ihr Arm ist zu kurz, sie öffnet ihren Gurt, lehnt sich nach hinten, greift den Karton und legt ihn auf ihren Schoß. Sie geht durch die CDs, zieht „Mezzanine“ heraus und schiebt sie in den Player. Langsam schwillt der Beat an, „You are my angel, come from way above“, der dumpfe Bass setzt ein, „blue eyes, she`s on the dark side“, Rebecca hält Stefan die Zigarette hin. Er nimmt einen tiefen Zug, gibt sie ihr zurück, hält die Augen auf die Straße gerichtet. „Love you, love you, love you, love you, love you, love you, love you, love you, love you, love you, love you, love you“, dringt es aus den Boxen, die Straße ist leer, Stefan schaltet einen Gang höher, Rebecca greift nach seiner Hand, schiebt ihre Finger zwischen seine. Stefan schaut sie an, sie beugt sich zu ihm hinüber, er spürt ihre Lippen, dann ihre Zunge, plötzlich dröhnt eine mächtige Hupe vor ihnen auf, Rebecca zuckt zusammen, färt herum, schreit: „Pass auf!“ Stefan reißt das Lenkrad herum, ein schwerer Laster donnert knapp an ihnen vorbei, ihr Wagen kommt von der Straße ab, kracht durch einen Graben, holpert über eine Wiese, bleibt stehen.

Stefans Hände am Lenkrad. Die Scheibenwischer zucken hin und her. Beginnen zu quietschen. Stefan stellt den Motor ab. Sie sehen sich an. Rebecca hält ihre Knie umklammert. Er greift nach ihrer Hand. Sie ist kalt. Zittert leicht. Er legt einen Arm um sie, zieht sie zu sich heran, drückt sie an sich. „Tut mir leid“, flüstert sie. „Ich hab uns fast umgebracht.“ „Schon ok.“ Sie presst ihr Gesicht gegen seine Brust.
Stefan lässt das Fenster herunter. Es nieselt. Ein kalter Wind. Weiter hinten ein paar Bäume. Eine Möwe treibt mit argwöhnischem Blick über sie hinweg. Der Himmel eintönig grau. Stefan hebt eine Wasserflasche vom Boden auf, nimmt einen Schluck, gibt sie Rebecca. Er spielt mit dem

Schlüsselbund, dreht den Zündschlüssel herum. Der Motor stottert ein paarmal, geht aus. Er versucht es wieder. Ein kurzes, heiseres Geräusch. Nichts regt sich. „Scheiße!“ Er macht noch einen Versuch. Der Wagen ächzt, hustet. Still. Stefan steigt aus, der Wind fährt ihm ins Gesicht, er beugt sich runter, schaut unters Auto. Kann nichts erkennen. Er öffnet die Motorhaube. Sieht alles ok aus. Er zieht an ein paar Kabeln und Schläuchen, prüft die Verschlüsse. Wasser, Öl. Alles da. Er steigt wieder ein. „Und?“ „Sieht alles ok aus.“ „Versuch’s nochmal.“ Er dreht den Schlüssel herum, der Motor stottert, würgt, ächzt und ächzt. Dann springt er holpernd an. Stefan gibt etwas Gas, der Motor heult auf, er legt den Rückwärtsgang ein, stößt vorsichtig zurück, durch den Graben, der Wagen setzt leicht auf, ein schürfendes Geräusch, dann stehen sie wieder auf der Straße. Stefan gibt Gas, auf dem Asphalt schimmern Pfützen. „Lass uns zurückfahren.“
Es dämmert, als der Wagen über die Avus rollt. „Was ist jetzt mit den Chancen?“ „Was?“ „Die Chancen.“ Sie grinst, zeigt auf seinen Arm. „Keine Ahnung.“ Orangenes Licht flutet über die Straße. „Mann, hab ich Hunger.“ „Komm mit zu mir, ich koch für uns“. Stefan dreht den Kopf. Schaut Rebecca an. „Meinst du das ernst?“ „Klar.“
Sie schließt die Tür auf, eine schwarz-weiß getigerte Katze kommt heraus, maunzt, streicht um ihre Beine. Rebecca bückt sich, nimmt die Katze in den Arm, drückt ihr einen Kuss auf die Stirn. „Das ist Janis.“ Die Katze maunzt. „Ja. Du hast großen Hunger. Ich weiß.“ Sie geht in die Wohnung, knipst das Licht an. „Komm rein.“ Stefan schließt die Tür, folgt ihr in die Küche. Über dem Tisch hängt ein Poster. Wolken. Bauer Himmel. Und darüber steht in weißen Buchstaben: „Never Never Land“. Rebecca schüttet Milch in einen Napf, stellt ihn auf den Boden, die Katze schleckt gierig. Sie füllt einen zweiten Napf mit Katzenfutter. „Wohnst du allein?“ „Ja. Setz dich.“ Stefan lässt sich auf einen Stuhl fallen, schaut sich um. Die Küche ist gemütlich. Überall Bilder, Postkarten, originelle Aschenbecher. „Willst du was trinken?“ „Ja, gerne. Ein Glas Wasser wäre klasse.“ Rebecca füllt zwei Gläser mit Wasser, trinkt ihres auf einen Zug leer. Sie schaut durch die Schränke. „Worauf hast du Lust?“ „Du bist die  Küchenchefin. Du entscheidest.“ Rebecca lacht. „Sind Spagetti ok?“ „Klar.“ Sie

stellt einen Topf Wasser auf den Herd, schneidet ein Päckchen Nudeln auf, streut Salz in den Topf, rührt um. „Macht’s dir was aus, nochmal zum Auto zu gehen?“ „Wieso?“ „Ich würde gerne nochmal Massive Attac hören.“ „Ok. Ich hol die CD hoch.“

Samstagabend. Viele Leute auf der Straße. Stefan geht zum Auto, setzt sich ans Steuer, starrt durch die dunkle Scheibe. Er steckt den Schlüssel in den Anlasser. Dreht ihn herum. Der Zünder blinkt auf. Stefan dreht den Schlüssel ein Stück weiter, drückt aufs Gas, lässt den Motor ein paarmal aufheulen. „Was ist jetzt mit den Chancen?“ Eine Gruppe junger Leute geht lärmend den Bürgersteig entlang. Stefan macht den Motor wieder aus. Er nimmt die CD aus dem Player, steckt sie ein, geht nach oben. Rebecca steht am Herd. Schmale Taille. Der sanfte Bogen ihrer Hüften. Ihre Jeans ist unter der linken Pobacke aufgerissen, lässt einen Streifen Haut sehen. Stefan lehnt sich gegen den Tisch. Schaut sie an. Sie dreht sich um. „Was ist?“ „Nichts. Ich hab nur nachgedacht.“ „Worüber?“ „Über deine Frage nach den Chancen.“ „Und?“ „Weiß nicht. Wie siehst du sie denn?“ Rebecca schaut Stefan an. Lächelt. „Mach erstmal die CD rein.“ Sie giesst die Nudeln durch ein Sieb. Der Rhythmus von „Angel“ schwillt langsam an. „Was ist dein Lieblingslied beim Sex?“ „Was?“ fragt Stefan lachend. „Was ist dein Lieblingslied beim Sex?“ Er schaut sie leicht verwirrt an und sie sagt: „Meins ist Angel.“
 
 
 
 
 
 
 

photo of ira cohen by marco bakker
 

 

Anthony A. Lee
Fire Next Time
I roll over to get on top,
and my back arcs as a bow,
the landscape below
untouched as yet by my rising.
Arms stretched, knees together,
I am God’s sign to Noah
curved against the firmament,
of an eternal Covenant, sacred union.
My arms tremble
against my weight. Sweat
runs over my ear, down my face,
as a tear. I hold my stiffness,
a ray of light, shining downward,
to warm the fertile plain.

Impatient, she insists,
grabs hold my back
(not the sign of God now,
just a bare ass—no sunbeam now,
just an aching dick), pulls me down.
oh god oh god oh god
No sky, no landscape now,
only soiled twisted bedding, wetness,
two bodies locked together
in promise, in struggle.
We squirm, battle.
I thrust, growl, spit, spasm, holler.
I feel the flood, see the mountain.
Next time comes the fire.

Anthony A. Lee teaches African American history (and other subjects) at West Los Angeles College. He is General Editor of the academic series Studies in the Bábí and Bahá’í Religions (Kalimát Press) now in its seventeenth volume. His poems have been published in ONTHEBUS, The Homestead Review, Arts Dialogue, Warpland, and the 2003 anthology of the Valley Contemporary Poets (Sherman Oaks, CA). He is the winner of the Nat Turner Poetry Prize for 2003 (Cross Keys Press). Some of his translations of poems have been published in Táhirih: A Portrait in Poetry: Selected Poems of Qurratu’l-‘Ayn (Kalimát Press, 2004).

Florian Vetsch
Buks Pöms - Eine umfassende Auswahl der Lyrik von Charles Bukowski

Es ist dem Übersetzertalent von Carl Weissner (*1940 in Karlsruhe) zu verdanken, dass sowohl die avantgardistische Montageliteratur als auch der narrativ lineare Schreibstil der Beat Generation  adäquate deutsche Übersetzungen erhalten haben. Weissner hat in den 60er Jahren die, wie Jürgen Ploog einmal sagte, „weitgehend hölzern & theatrisch geprägte Sprache“ herkömmlicher Übertragungen aus dem Amerikanischen umgeschmolzen in ein sinnlich aufgeladenes, vulgärsprachlich geschliffenes Idiom von bis dahin unerreichter Direktheit. Dies zeigt sich noch in der rund 1000seitigen Bukowski-Bibel, die Carl Weissner im Frühjahr 2003 unter dem schlichten Titel <<439 Gedichte>> bei Zweitausendeins herausgebracht hat.

Die Lyrik von Charles Bukowski (*1920 in Andernach am Rhein, †1994 in Los Angeles) als Beat-Literatur zu bezeichnen ist ein Notbehelf. Denn von dieser Strömung unterscheidet Bukowski vieles. Z.B. sein Verzicht auf jegliche Hippie-Ideologie. Auch lehnte er sich im Unterschied zu Ginsberg, Kerouac, Snyder, McClure, Rexroth u.a.m. nie an den Buddhismus an. Ferner erweisen sich  seine „Pomes“ als konsequent apolitisch. Und für die Cut-up-Technik, wie sie Gysin erfand und Burroughs weiterentwickelte, hatte „Hank Chinaski“ nur ein Schulterzucken übrig. Schliesslich war er ein Eigenbrötler und Einzelgänger, unempfänglich für die von den Beats extensiv genutzte Energie der Gruppe. Dennoch finden sich in Bukowskis Lyrik auch Elemente, die ihn in die Nähe der Beat Generation rücken:

Da ist die ungeschminkte, schonungslose, bis zur völligen Selbstentblössung gehende autobiographische Aufrichtigkeit seiner Schreibe. Da ist seine knallharte Darstellung der Triebe und Süchte zumal der männlichen Wunschmaschine. Oder die Bevorzugung des Banalen, Alltäglichen, das Auge, das sich am bislang von der Poesie ferngehaltenen Schmutz schult: „Beobachtung in die / Tat umgesetzt / ist die Essenz / der Kunst“, meinte er programmatisch. Da ist aber auch Bukowskis grosses Herz für Sonderlinge und sozial Randständige, für Verlierertypen und schräge Figuren: „Ich hatte auch was / übrig für jene anderen, die / ihr Bestes gaben und damit / weitermachten, auch wenn / sie wussten, dass sie nur / zweitrangig waren“, schrieb er, tröstlich, in einem <<Bruckner>> gewidmeten Gedicht. Hinzukommt die Erhebung der Gassensprache zur Lyrik. Dann seine Haltung einer „permanenten Opposition“ (Neeli Cherkovski), sein Widerstand von ganz unten gegen jede Art von

Autorität, welche andere Menschen zur Selbstentfremdung und Duckmäuserei zwingen will, ein Widerstand, der mit seiner Auseinandersetzung mit dem schlagenden, tyrannischen Vater begann, einem frustrierten Milchzusteller und Ex-Flieger-Ass aus dem Ersten Weltkrieg. Und schliesslich ist Bukowski, was ebenso an die Autoren der Beat Generation erinnert, im Untergrund gross geworden.

Wie sieht eigentlich Bukowskis typische Schreibsituation aus? Die Läden in L.A., dessen Flair er jenseits aller Hollywood-Verklärung als „eine Mischung aus Palmen und Elend“ beschreibt, heruntergelassen, der Klassiksender läuft

am Radio, ein Sixpack Bier steht in der richtigen Temperatur bereit, an Zigaretten und Schreibmaschinenpapier mangelt es nicht...  Bis zu 20, 30 Gedichte hat Bukowski pro Woche in seinen Spitzenzeiten aus dieser Situation heraus geschrieben und also, trotz endlosen Affären und einem keineswegs kaschierten Alkoholismus, eine unglaubliche Arbeitsdisziplin an den Tag gelegt. Freilich sind manche von Bukowskis Produkten von einer kaum zu unterbietenden literarischen Qualität; „Hank, du bist nichts als / ein zynischer alter Säufer und Dreck- / sack. Kein Wunder liest sich dein Zeug / als käme es direkt aus der Jauchegrube“, zischt ihm eine Bekannte ins Gesicht, was er natürlich unverfroren zitiert, und mitunter ist man geneigt, dieser Einschätzung zuzustimmen. Doch immer wieder finden sich bei „Buk“ auch Stücke, an denen jeder Inch sitzt, Texte, die kein Wort zuviel aufweisen, die von einer Direktheit, einem Vitalismus und einer menschlichen Wärme geprägt sind, welche die Vertreter des hohen Stils so nie erreichen können. Bukowskis anti-intellektuelle Haltung brachte stets geradlinige, einfache Zeilen hervor, die sich sofort erschliessen: „Studenten wollen, dass es geheimnis- / voll und bedeutend ist. // Ich will, dass es leicht ist. // Und das ist es“, schrieb er im Gedicht <<Barock und was noch alles>>.

Manche Rezensenten monierten an den <<439 Gedichten>> (und damit an Bukowskis Lyrik im Allgemeinen), sie biete immer nur dasselbe: wieder ein Pferderennen, noch eine schummrige Bar, wieder eine Frauengeschichte, noch ein Trinkerelend etc. etc. Doch dies eben ist Bukowski. Helmut Salzinger (1935-1993) hat es vor Jahren einmal so auf den Punkt gebracht: „Gerade darin besteht die Ehrlichkeit von Bukowskis Gedichten (und Geschichten): dass er es nicht verschweigt oder beschönigt oder zu Kunst verarbeitet: dass es immer wieder dasselbe ist.“ Deshalb werden wenige Leser diesen Band von A bis Z lesen, aber viele werden immer wieder gerne darin blättern, um sich von Bukowski erheitern, aufstören, genüsslich nerven zu lassen oder aber, was wohl am meisten im Sinn des

Verfassers läge, um sich an seinen Versen aufzurichten und Mut aus ihnen zu schöpfen.

Charles Bukowski: 439 Gedichte (aus dem Amerikanischen von Carl Weissner). Zweitausendeins. Frankfurt/M 2003. 992 Seiten. Fr. 53.- / Euro 25.-
 

Ní Gudix
Rebel with a cause: Rimbaud zum 150.
Von einem, der auszog, die Sprache zu erneuern. Ein Essay

Mon dieu! Wo ist er denn? Sitzt er immer noch im Café de l’Universe und trinkt Absinth? Ja, da hinten an der Theke seh ich ihn. Ich geh rüber zu ihm. Da springt er auf! Sein Bein! Wo ist sein Bein? Ah, la jambe du voyant, la jambe de l’absinthe. Es ist mit ihm um den Globus gelaufen und trinkt jetzt Rimb untern Tisch. Autour de l’universe, directement, alors enfin, en marche!
Er hat mich erkannt, wirft mir einen funkelnden Blick zu, stürzt den Rest der grünen Flüssigkeit runter und wirft seinen Hocker um. Und sprintet in Richtung Tür. Ich hinterher. Er rempelt ein paar Spießer um, die vor ihrem Sparflammenfusel sitzen. Der Wirt brüllt hinter ihm her. Natürlich hat Rimb seinen Absinth nicht bezahlt. Der Wirt brüllt, ich solle ihn bezahlen. Aber ich denke nicht daran. Raus.
Ich hole ihn in einer verregneten und schmutzigen Seitengasse wieder ein. Er stopft sich die Pfeife und grinst. Seine Haare sind verfilzt, seine Jacke starrt vor Dreck. Seine Augen blitzen. „Krämerseele“, sagt er und meint den Wirt. „Haste mal Feuer?“ Ich habe. Ich zünde ihm das Pfeifchen an. Er atmet tief ein und aus, dann reicht er es mir. Schmauchend gehen wir die Straße lang. Es ist dunkel, es ist naß, schwarze Pfützen überall auf dem Weg. Rimb springt hinein. Das Wasser plitscht nach allen Seiten. Über uns die Sterne. Es sieht fast so aus, als ob sie lachen. L’Éternité!
„Heh“, sage ich, „komm, ich lade dich ein. Ich hab dich gesucht.“
„Mich gesucht?“ Er blitzt mich von der Seite an. „Das ist ja scharf! Wie komm ich zu der Ehre?“
„Du hast Geburtstag“, sage ich. „Du wirst hundertfünfzig.“
„Wer sagt das?“
„Das Literaturlexikon. Unter anderem.“
„Ah non“, sagt Rimb, „merde! Diese Lexikonarden! Was wissen die schon! Ich geb nichts auf diese Geburtstagsscheiße. Wenn das heißt, daß dann diese ganzen intellektuellen Flachwichser ankommen und mir wieder irgendeinen Seuch erzählen von wegen Ruhm und große Literatur…“ Er spuckte aus. „Aber wenn Geburtstag heißt, daß du mir was spendierst, dann meinswegen.“

„Das heißt es“, sage ich.
„Also auf!“ Rimb rennt los. „Die da hinten, die haben Absinth, der ist billig aber stark, und die stellen auch keine blöden Fragen!“

An jenem Abend bin ich tief tief abgestürzt. Gegen vier Uhr wachte ich im Pub auf, mit einem Kater so groß wie der Eiffelturm. Rimb war weg. Auf dem Tisch vor mir lagen und standen mindestens zehn leere Absinthgläser und einige leere Weinflaschen. Ich hielt mir den Schädel und wankte raus. Erst da wurde mir bewußt, daß ich etwas auf dem Kopf hatte. Einen Hut! Rimbs Hut! Rimbs Merlinhut! Er stank nach Teer, Pisse, Tabak und Fusel. Ich drehte ihn in den Händen. Hinter dem Hutband klemmte ein Zettel. Ich zog ihn hervor und las: „Ich wart auf dich. Rimb.“
Ich kenne Rimb seit fünf Jahren. Seinen Namen hatte ich davor natürlich bereits gehört, klar, schließlich rotieren wir in denselben Kreisen – aber persönlich kenne ich ihn erst seit dem 19. April 1999. An jenem Tag, es war ein Montag, traf ich ihn im Eingangsbereich der Universität an einem Büchertisch. Genauer: ich traf ihn nicht, ich kollidierte mit ihm. Ich war verkatert von einer Sauferei im Irish Pub in der Nacht davor, hatte nun die Vorlesung geschwänzt und steuerte den Büchertisch an. Und da passierte es. Ich stieß mit Arthur Rimbaud zusammen. Es krachte, es rumste, ich fiel benommen zu Boden. Rimb lachte, reichte mir die Hand und zog mich wieder auf die Füße. Und ab da war nichts mehr wie zuvor.
Der Buchfritze hinterm Tisch hatte nix gemerkt. Ich zahlte das Buch  und ging. Und Rimb legte die Hand an den Hut, spuckte dem Buchfritzen vor die Stiefel und lief mir nach, legte mir seinen verdreckten Ärmel um die Schultern, grinste mich von der Seite an und zog mich zum Ausgang. Zu Fuß liefen wir die vier Kilometer zurück ins Irish Pub.
Urknall.

Henning Boetius, der 1995 die wunderbare Romanbiographie über Rimb schrieb, hat ihn auch gekannt. Ganz klar. Genauso Klaus Mann. Genauso Richard Hülsenbeck, einer der Ur-DADAisten, der ihn in einem der ersten DADA-Manifeste schon mal voranstellt, als es darum geht, die Literatur zum Leben zurückzuführen: „Sie haben ihre Selbständigkeit hinter ihren Büchern eingebüßt, der Ehrgeiz, noch nicht so berühmt zu sein wie Rabelais oder Flaubert, hat ihnen den Mut zum Lachen genommen – sie haben noch soviel zu marschieren, soviel zu schreiben, soviel zu leben. Rimbaud sprang ins Meer, um nach St. Helena zu schwimmen. Rimbaud war ein Kerl, sie sitzen in den Cafés und meditieren, wie man am schnellsten ein Kerl wird. Sie

haben einen akademischen Begriff vom Leben – alle Literaten sind Deutsche: sie werden deshalb nie zum Leben kommen. Ja, Rimbaud begriff sehr wohl, daß Literatur und Kunst sehr verdächtige Dinge sind...“
Was heißt es, Rimbaud zu kennen? Man muß ihn mit allen Sinnen wahrnehmen, ihn fühlen, riechen, schmecken, es reicht nicht aus, seine Gedichte zu lesen und chronologisch einsortieren zu können. Unser Französischdozent an der Uni zum Beispiel kannte alle Gedichte, Briefe und die Saison en enfer und hat dennoch nicht die leiseste Faser von Rimb begriffen. Er textete mich mit Phrasen zu und mit akademischem Brimborium und merkte gar nicht, daß das alles nur leeres Papier war, Wortwichse, und daß der, um den es angeblich ging, überhaupt nicht da war. Noch nie da gewesen war, hier, in diesem piefigen Uni-Sprechzimmer.
Hülsenbeck packt Rimb richtig an. Denn Rimb sprang im 19. Jahrhundert in dieselbe Bresche hinein, in die im 18. Jahrhundert die sogenannten „Originalgenies“ gesprungen waren, nämlich in die Bresche zwischen den Gelehrten und dem Leben, welches überall ist, nur nicht zwischen jenem „Tiergeripp und Totenbein“, das schon Goethes Urfaust ankotzte. Aus dieser Bresche, aus diesem Dilemma der Kunst, das nach wie vor nicht beseitigt ist, definiert sich die Mission der Kunst-, in diesem Fall der Literaturrebellen. Nur daß Rimbauds Größe dann eben darin bestand, daß er sich nicht als „Phänomen“ verheizen ließ, sondern das Schreiben aufgab, nachdem er enttäuscht festgestellt hatte, daß die Literaten es anscheinend vorzogen, phlegmatisch und apathisch als relativ unerheblicher Unterzweig der „Kultur“ weiter vor sich hin zu dichten, als sich auf eine radikale Neudefinition der Rollen von Poesie und Sprache einzulassen. Irgendjemand, ich glaube es war Jean Cocteau, schrieb mal: die Engländer hatten ihren Burns, die Deutschen hatten ihren Sturm und Drang – aber nur die Franzosen hatten einen Kerl wie Rimbaud.

Jean Nicholas Arthur Rimbaud, geboren am 20. Oktober 1854, gestorben am 10. November 1891. Wunderknabe aus Charleville, sperriges Genie, Rotzlöffel, Ausreißer, Verweigerer, Globetrotter. Bis zum Alter von fünfzehn Jahren ist er ein talentierter Musterschüler, der für seine Aufsätze Preise einheimst und der Stolz der Mutter ist. Aber etwas brodelt schon da in dem Jungen Arthur, der mit einem Bruder, zwei Schwestern und ohne Vater  in der königlichen Isolation der Ardennen aufwächst. Der träge Lauf der Dinge und der ewiggleiche Reigen sinnloser Konventionen sind ihm ein Dorn im Auge. Als Zehnjähriger gibt er als Berufswunsch „Rentner“ an mit der Begründung, wenn der einzige „Sinn“ guter Zeugnisse der sei, daß

man damit eine gute Anstellung erreiche, dann wolle er gern auf die gute Anstellung verzichten und gleich Rentner werden, wenn er dafür nur nicht mehr länger Zeug lernen müßte, das ihn nicht die Bohne interessiert. Das Kommunions- und ein Schulfoto zeigen einen zwar adrett frisierten, aber trotzig und finster in die Kamera blickenden Jungen. Dann, im Frühling 1870, bringt ihn sein junger Lehrer Georges Izambard mit revolutionärer Literatur in Berührung: Georg Büchner, Charles Baudelaire, Victor Hugo. Und die Lunte zündet, der Kokon reißt auf, die Käseglocke wird zerdeppert, und Madame Rimbaud erkennt ihren einst so braven Jungen nicht wieder. „Es ist falsch zu sagen: ich denke: man müßte sagen: es denkt mich. ICH ist ein anderer“, formuliert er kurz darauf in seinem berühmten Ersten Brief des Sehers an Izambard jene drängende Notwendigkeit zur De-
Entfremdung, die er als „reconnu poète“ unmißverständlich fühlt. Scheiß auf alle Pseudo-Dichterlinge, Scheiß auf das Heile-Welt-Gewichse, Scheiß auf Schulliteratur, Scheiß auf das, was sich hier „Kultur“ schimpft, eine Politik des Schönschwätzens, des Keine-Ahnung-Habens, des Ghettodenkens ist das, keine Kultur! Scheiß auf die Elfenbeintürmler! Rimb, der angry young man, begreift intuitiv den Zusammenhang zwischen Sprache und Kultur, zwischen Literatur und Politik. Schwachsinnige Liebesromane, weltfremde Sonette über Blümchen und Bienchen, Zeitungsartikler, die pro-napoleonische Phrasen absondern, nur damit sie ihren Job behalten – soll das alles sein? Und dann seht euch diese Schwadroneure doch mal an! Wie können sie sich ein Urteil erlauben über Rausch, Drogen, Hunger, Zigeuner, Bismarck, Knast, richtige und falsche Verse, gute und böse Menschen, wenn sie nichts davon kennen, sondern nur Zeug nachplappern, das sie woanders gelesen haben? Eine Kultur, die derlei Straußen- und Drei-Affen-Politik als Kultur verkauft, ist selbst schuld, wenn ihre Bürger zu kriecherischen, feigen und saturierten Spießern mutieren. Shakespeare kannte das Leben, das er beschrieb! Büchner wurde für sein „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“-Flugblatt steckbrieflich gesucht, das war ein Revolutionär! Sein Woyzeck ist immer noch eins der radikalsten Dramen überhaupt. Und Charles Baudelaire, einer der „poètes maudits“, ist für Rimbaud „un vrai dieu“.
Es ist Krieg, deutsch-französischer unter Bismarck, und Anfang 1871 besetzen die deutschen Truppen auch Charleville. Es herrscht Ausnahmezustand; die Schule macht dicht. Mit Izambard und dessen Freunden bleibt Rimb aber weiter in Kontakt. Er will nach Paris, wo die Revolution tobt, wo sich die Commune strukturiert und niedergeschlagen wird und wo auch einige der revolutionären Dichter sitzen, von denen er gehört hat, Paul Verlaine etwa und Theodor de Banville. Er reißt aus, setzt sich in einen Zug – aber weil er keine Fahrkarte hat, wird er in Paris festgenommen und eingeknastet. Izambard kommt, holt ihn raus und liefert ihn wieder in Charleville ab.

Rimb reißt erneut aus, diesmal läßt er sich nicht erwischen, und große Strecken geht er auch zu Fuß. In Paris strolcht er eine Zeitlang ziellos und ohne Geld zwischen den von den Nebenwirkungen des Kriegs – Hunger, Krankheiten – erbärmlich ausgezehrten Menschen herum, bevor er wieder zum „Krokodil“, der Mutter, nach Charleville zurückkehrt. Das Krokodil hat langsam die Schnauze voll: entweder er sucht sich hier einen Job – oder aber er fliegt hochkant raus. Und dann braucht er auch gar nicht wiederzukommen. Rimb verpfeift sich erstmal ins Café de l’Universe und betrinkt sich.
Also. Wo waren wir stehengeblieben? Wer ein wahrer Dichter sein will, darf sich niemals mit einem schmalen Horizont zufriedengeben. Ein Dichter muß mit ALLEN Wassern gewaschen sein! Um gegen die Übel dieser Welt anschreiben zu können, gilt es, die Übel erstmal kennenzulernen und zwar am eigenen Leib; auch, um dann einige Schein-Übel und Vorurteile als von der herrschenden bürgerlichen Elite erfunden und breitgetreten zu enttarnen. Auf diese Weise ist ein literarischer Revolutionär dann wirklich auch ein politischer Revolutionär, denn das Umdenken entsteht im Kopf, und bevor Politiker irgendeine „bessere Welt“ umsetzen können, muß zunächst dieser tödliche Sprech verschwinden, wonach ja immer die anderen die „Bösen“ und „Gefährlichen“ sind . Verdammt nochmal! Ist dieses andere nicht in uns allen? Eben. Um das wachzukitzeln, dazu ist der Dichter da. Lest, und euch werden die Augen geöffnet werden! Der Dichter sei ein Seher! Das Explosions- und Revolutionspotential liegt in der Sprache! Der zweite Lettre du Voyant geht an Paul Demeny: „Ich habe beschlossen, Ihnen eine Stunde in neuer Literatur zu geben. Die erste Aufgabe des Menschen, der Dichter werden will, ist die volle Kenntnis seiner selbst, er taucht nach seiner Seele, gewinnt Einsicht in sie, erprobt sie, lernt sie kennen. Sobald er sie begriffen hat, muß er sie weiterbilden... – Aber es geht darum, die Seele ungeheuerlich zu machen: nach Art der Kinderschänder, was! Stellen Sie sich einen Menschen vor, der sich Warzen ins Gesicht pflanzt und sie großzüchtet. Ich sage, man muß  Seher sein, sich sehend machen. Der Dichter macht sich sehend durch eine lange, gewaltige und bewußte Ent-Regelung aller Sinne. Alle Arten von Liebe, Leiden, Wahnsinn: er sucht sich selbst, er erschöpft alle Giftwirkungen in sich, um nur die Quintessenz zu bewahren. Unsägliche Folter, wo er volles Vertrauen, alle übermenschliche Kraft braucht, wo er unter allen der große Kranke, der große Gesetzesbrecher, der große Geächtete sein wird – und der höchste Wissende! – Denn er kommt an beim Unbekannten! Weil er seine schöne reiche Seele

weitergebildet hat, weiter als irgendjemand sonst! ... Da im Übrigen jedes Wort eine Ein-Sicht ist, wird die Zeit einer universellen Sprache kommen! Diese Sprache reicht unmittelbar von Seele zu Seele, faßt alles zusammen: Düfte, Klänge, Farben. Der Dichter würde das Feld des Unbekannten bestimmen ...; das Maßlose, von allen angeeignet, würde zum Maß ; so wäre der Dichter wahrhaftig ein Vervielfältiger der Veränderung! ... Die nie endende Kunst hätte eine Aufgabe, und die Dichter wären Glieder der Gemeinschaft. Die Poesie wird nicht mehr das Tun rhythmisieren, sie wird ihm voraus sein! Diese Dichter werden kommen!“

Gekommen sind sie: Burroughs, Ploog, Fauser, Lacan, Cocteau. Aber sie blieben mitunter genauso als „utopische Spinner“ verschriene Wüstenrufer  wie Rimb. Utopisch bedeutet aber nicht unrealistisch, sondern noch nie dagewesen. Seien wir realistisch: wagen wir das Unmögliche! Rimbs Gedanken sind scharfsinnig und richtig, und Respekt gebührt ihm, weil er sich von dieser Einsicht nicht abbringen und sich nicht, wie so viele, vorschwätzen ließ, daß das, was er mit sechzehn begriffen hat, nur unreifes Zeug sei. WENN DIE LITERATUR NICHT RADIKAL NACH VORNE AUS DER SCHEISSE HERAUSFÜHRT, WOZU SOLL SIE DANN ÜBERHAUPT GUT SEIN? Exit Only. Hier gehts lang. Raus aus der Scheiße. Paß auf, Genosse, daß du nicht irgendwann die Scheiße für Schokolade hältst. Was leider den meisten passiert. Denn die Scheiße tarnt sich auf äußerst gerissene Weise. Progression heißt nichts weniger, als daß man das, was man einmal als Scheiße, also als dumm, unmenschlich, verlogen erkannt hat, hinter sich läßt und nicht weiter perpetuiert. Rimbaud hat gespürt, daß eine wirklich kompromißlos mit überkommenen Schablonen brechende Literatur nicht mehr länger begleitender, aber im Grunde überflüssiger Wurmfortsatz  einer regressiven Scheuklappenkultur wäre, sondern diese Scheuklappenkultur von Grund auf aufbrechen und ausmisten würde. Und als er sah, daß sich auf dieses radikale Wagnis, diese

ungeheuerliche Mission niemand außer ihm, nicht einmal Izambard und Verlaine, so richtig einlassen wollten, da sagte er: schön, Jungs. Dann halt nicht! Wenn ihr keine „absolument moderne“ Literatur haben wollt, dann lassen wir das Projekt sein! Eure Wurmfortsatzliteratur braucht niemand. Ich auch nicht. Adios. – Sprachs und verpfiff sich nach Afrika und stopfte seine zusammengeknüllten Gedichte ins Klavier.

Aber noch sind wir nicht soweit. Noch will Arthur als Dichter in Paris die Welt aus den Fugen heben. Paul Verlaine, einer der wenigen zeitgenössischen Dichter, denen Rimb für die Gegenwart das Prädikat „Seher“ verleiht, lädt den jungen Rebellen im September 71 nach
Paris ein, das Geld für die Zugfahrt schickt er gleich mit. Endlich! Rimb zieht bei Verlaine und seiner Frau im Montmartre ein und wird von Verlaine in den Dichterzirkeln der Parnassiens eingeführt. Doch bald kommt die kalte Dusche: diese Dichter, von denen er sich so viel poetische Revolution erhofft hatte, ruhen sich auf ihren Versen aus wie die Schulmeister von Charleville auf ihrem Kathederwissen, und Verlaine betreibt keine „bewußte Entregelung aller Sinne“, nein, der ist klassischer Alkoholiker, der sich in seiner Bürgerlichkeit verschanzt und sich zufuselt, um zu vergessen, was für eine jämmerliche Existenz er führt. Verlaine ist zu diesem Zeitpunkt 27 Jahre alt, und wenn Rimb nicht gewesen wäre, wäre er wohl noch in seinen frühen 30ern depressiv am Fusel eingegangen. Rimb aber wittert in ihm die „âme eternelle“, den Werwolf, dessen Entdeckerqualitäten nur brachliegen, und macht Verlaine zu seinem Höllengefährten.
Verlaine ist bald auch der einzige in Paris, der noch zu Rimb hält; bei den Dichterzirkeln der „Villains Bonhommes“ hat Rimb schnell verschissen, nachdem er bei einer Lesung laut „Merde!“ brüllt und sich mit dem Lesenden duelliert. Die prominenten Poètes Parnassiens zupfen sich pikiert an ihren Fliegen; sie können mit dem radikalen Blondschopf, dessen Haare nun nicht mehr adrett frisiert sind, sondern störrisch zu Berge stehen, nichts anfangen und fühlen sich von seinen spitzen Bemerkungen an empfindlichen Stellen gepiekst. Es gibt heute ein fast geflügeltes Wort: „sich aufführen wie ein kleiner Rimbaud“. Gerd Koenen hat es z.B. im Zusammenhang mit Andreas Baader benutzt . Aber ich mag es nicht. Denn es wird dem Rimbaud, den ich kenne, nicht gerecht. Es wird nur dem Bild gerecht, das die Künstler in Paris von dem siebzehnjährigen Flegel hatten, der sich betrank, rumpöbelte, klaute und überall seine verdreckten Stiefel auf den Tisch legte. Aber es wird nicht der Tatsache gerecht, daß Rimbaud kein rebel for its own sake war, sondern ein rebel with a cause. Er weiß, was er tut, aber er tut es nicht, um

aufzufallen, sondern um aufzubegehren. Sein Zorn war ehrlich, seine Sprache war direkt und unverbraucht, sein Revoluzzertum war echt. Und er hatte recht. Von Rimb ist eine Linie zu ziehen zu Francois Villon, James Dean, DADA, Beat, Neal Cassady, Biby Wintjes, Jim Morrison, Punk, Robert McLiam Wilson. Baader ist nicht mit im Club; Baader war ein Fake.

Bei Verlaines hängt der Haussegen schief, da sich Paul lieber mit Rimb zu Sauf- und Hasch- und Opiumorgien in der Stadt herumtreibt, statt sich um seine Frau und sein Neugeborenes zu kümmern. Es kommt, wie es kommen muß: Im Herbst 72 – nach vielem Hin und Her, Arthur war mal wieder beim Krokodil und Paul versuchte im Suff
seine Frau zu erwürgen – brennen Verlaine und Rimbaud zusammen durch nach London. „Lesen und Trinken. Trinken und Lesen. Dazwischen Essen und Schlafen als bittere Notwendigkeit und Laufen als süßer Luxus.“  Sie leben von dem Geld, das ihnen die Blindschleiche, Verlaines Mutter, schickt, und als das versiegt, geben sie Französischstunden, und Rimb jobbt zeitweise als Kellner. Verlaines Frau Mathilde fürchtet natürlich, daß die beiden in London Schwulitäten treiben, und droht wieder die Scheidung an. Verlaine will die Ehe retten, will aber auch Rimb nicht verlieren. Rimb fühlt sich in der Sackgasse. Nach weiterem Hin und Her across the channel kommt es im Sommer 73 in Brüssel zum Eklat: Verlaine, stinkbesoffen, fuchtelt mit einer Pistole herum und schießt Rimb im Beisein der Blindschleiche in die Hand. Daraufhin wird er verhaftet und fährt erstmal für zwei Jahre in den Knast, wo zwei Wunder geschehen: er wird trocken und katholisch.

Und für Arthur sind hiermit die Lehrjahre beendet, und die ersten Früchte des Sich-Sehend-Machens, des „arriver à l’inconnu par le dérèglement des TOUS les sens“ sind reif: Rimb fühlt sich jetzt, nach einigen seelenbildenden Abenteuern, fähig für wahre Poesie. Er verschanzt sich im Bauernhof der Mutter in Roche auf dem Dachboden und schreibt Une Saison en Enfer, die Zeit in der Hölle, das einzige Buch, um dessen Druck er sich selbst bemüht. Die Saison en Enfer, das ist ein kleiner Juwel in experimenteller Prosa voller Wahrheiten. Ich kriege da jedesmal wieder eine Gänsehaut. Wenn mir der Literaturbetrieb mal wieder zu hohl, zu aufgeblasen, zu sehr dominiert vorkommt von Weichspülrevoluzzern, Biomüllneurotikern und visionslosen Phrasendreschern, dann schlage ich meine Saison en Enfer auf. Und ich weiß wieder, wo ich stehe. Die Alchimie du verbe zum Beispiel. Und faim, soif, cris, danse, danse, danse, danse! En marche! Das Buch tritt mir in den Arsch, so wie
 

Rimb in London Verlaine in den Arsch trat, damit der außer Saufen auch Laufen praktiziert.
Dann beginnen die Wanderjahre. Ich variiere Faust: „Flieh! Auf! Hinaus ins weite Land! Und dies geheimnisvolle Buch, aus Rimb-des-Sehers eigner Hand: ist es dir nicht Geleit genug?“ Laufen. Das ist es, was Rimb mir beigebracht hat. Den Laufrausch. Man kennt das heute gar nicht mehr. Man bestellt sich ein Taxi, um zum Bahnhof zu kommen, man besteigt die U-Bahn, um einen Freund ein paar Straßen weiter zu besuchen, man bucht Züge und Flugzeuge, und wenn die wegen irgendwelcher technischer Probleme nicht kommen, sitzt man wütend und ohnmächtig herum, d.h. man gibt der Technik die Schuld, daß man selbst nicht den Arsch hochkriegt. Ziemlich jämmerlich, das. Und wenn man doch mal seine Füße bewegt, dann heißt das „Jogging“, „Power Walking“, „Extreme Racing“ und bringt eigentlich nur den Sportladenbesitzern was; oder es wird verniedlicht in „Spazierengehen“ und „Wandern“. Rimb aber LIEF. Quer durch Europa. Zu Fuß. Er hatte keine spezielle Ausrüstung, er hatte nicht mal Geld. Er lief mit Schnürstiefeln an den Füßen, einem ramponierten Zylinder, seinem „Merlinhut“, auf dem Kopf, der Pfeife im Mund und einem Stock in der Hand durch Deutschland, durch Belgien, über die Alpen nach Italien. Die Sprachen lernte er beim Laufen. Er war kurz Soldat, desertierte, wollte in die US Navy. Schloß sich einer Zirkustruppe an und vagabundierte in Skandinavien herum. Helsingör, Norwegen. Schottland. Wien, Gibraltar, Rotterdam, Neapel, Suez, Aden. Dann Harar. Bei den Zirkusleuten arbeitete er als Ticketabreißer, in Zypern als Palastbauaufseher, in Afrika als Kamel- und später, in den letzten Jahren, als Waffenhändler. Gelegentlich tauchte er wieder in Charleville auf und fraß dem Krokodil ein paar Wochen lang aus der Hand, ließ sich die Kleider und die Schuhe flicken und ruhte seine Beine aus. Doch kaum genesen, haut er wieder ab. Im Sommer 79 erkrankt er an Typhus, was ihn zum Bleiben in Roche zwingt. Ein Jahr später ist er in Afrika.
Verlaine besucht ihn 1875 nach der Haftentlassung in Stuttgart und bittet um die Gedichte, die er als Illuminations herausgibt. Danach hört man nichts Dichterisches mehr von RImb. Die Literaten in Paris registrieren nur sein Verstummen und fangen langsam an, ihn zum „früh vollendeten Genie“ hochzustilisieren. Manche tun so, als ob er bereits tot wäre; manche deuten sein Verstummen als Rückzieher, als Flucht oder doch als ein Eingeständnis des Scheiterns. Einerseits stimmt das, wenn man die Saison en Enfer mit ihren Appellen an das Schweigen („Tais-toi! ... Je voudrais me taire. ... Je ne sais plus parler!“) so liest, daß er nun doch das Gefühl hat, mit Sprache ist nichts zu verändern. Aber andererseits ist die „Ent-Regelung ALLER Sinne“ doch eben ein lebenslanges Projekt, das durch das Schweigen nicht abgebrochen, sondern weitergeführt und vertieft wird! Schweigen ist eine Fortsetzung des Schreibens mit anderen Mitteln; „j’écrivais des

silences“. Wenn man das Gefühl hat, daß es noch zu sehen, zu hören, zu laufen gilt, dann sollte man nicht schwätzen, sondern schweigen. Das Vorstoßen zum Unbekannten, das „posséder la vérité dans une âme et un corps“ : das ist das rimbaldeske Zen.
„Écoutez! J’ai tous les talents!“ ruft Rimb, und das heißt: Schreiben ist doch nur EINS davon, ist nur EIN Exzeß, EINE Seite des großen Ent-Regelungs-Projekts. Nach der Alchimie du verbe ist die Buchstaberei für ihn gegessen wie eine Droge, deren Wirkung man ausgekostet hat und die jetzt nicht mehr funktioniert. Wer jahrelang gesoffen hat, wird irgendwann feststellen, daß ihm der Fusel nicht mehr schmeckt,
nichts mehr bringt, nicht einmal mehr einen schönen Rausch, sondern nur noch verklebte Magenschleimhäute und einen trockenen Mund; und dann ist es Zeit, den Fusel abzustellen und die Droge der Abstinenz zu erproben. Genau das tat Rimb, indem er nicht mehr schrieb. Sicher: er war auch vor allem enttäuscht von der Literatur, und er merkte, daß das alchemische Herausfiltrieren von Gold aus den Wörtern nicht so einfach war, wie er zunächst gedacht hatte, und daß die Literatur eben immer noch Lichtjahre davon entfernt war, die Gesellschaft aus ihrer Eindimensionalität herauszuführen; aber das heißt nicht, daß er von seiner Vision zurücktrat. Wenn der 30jährige Rimbaud sich von den Visionen, die er als 17jähriger hatte, hätte distanzieren wollen, dann hätte er genausogut in Paris bleiben und als „geläuterter“, visionsloser, aber berühmter Ex-Communarde leben, vielleicht sogar recht behaglich als Herausgeber seiner eigenen gesammelten Werke alt werden können im Stil vom alten Goethe. Jetzt bin ich zynisch. Aber so sehen Rückzieher aus: kleinlaut zurück zum Un-Seherischen und Konstruktion eines Bruchs in der Biographie.
In Rimbauds Biographie aber gibt es keinen Bruch. Es gibt nur Abschnitte, Wegverbindungen, vielleicht mal kurz eine Unebenheit oder einen Tümpel, den es zu durchwaten gilt. Aber es geht immer vorwärts, genau wie auch Rimb selbst in seinen Märschen stets ausschritt. Seine Übersetzer Therre und Schmidt weigern sich sogar, überhaupt von irgendeiner Jahreszahl des Verstummens zu sprechen; er schrieb ja Briefe und Reisenotizen, und wo ist da eine Grenze zu ziehen zu „literarischem“ Schaffen? Rimb wollte eine neue Sprache schaffen, die alle Sinne umfaßt und auch die betriebseigenen kleinkarierten Gattungsgrenzen überwindet. In Afrika widmet er sich außerdem der Musik und der Fotographie, auch zeichnen tut er nach wie vor; nach der Alchimie des Wortes folgt die des Bildes und der Töne.
1891 meldet sich sein Bein. La jambe de l’universe. Schmerzhafte Krampfadern sind die Folge von exzessivem Laufen. Rimb schreibt

seiner Mutter, damit sie ihm Stützstrümpfe schicken möge, wird dann aber doch von Harar nach Marseille ins Hospital zur Unbefleckten Empfängnis transportiert, wo er am 10. November nach der Amputation stirbt. Verlaine, der wieder dem Fusel verfallen war, überlebte ihn um fünf Jahre, das Krokodil starb erst 1907. Im selben Jahr wurde in Charleville eine Rimbaudbüste enthüllt.

Es gibt diesen Hollywood-Film TOTAL ECLIPSE – DIE AFFÄRE VON RIMBAUD UND VERLAINE, der gefällt mir. Leonardo di Caprio spielt Rimb, David Thewlis (der auch im aktuellen Harry Potter mitmacht) spielt den Verlaine. Gute Bilder, gute Farben, keine Literatenverklärung. Oder auch Klaus Kinskis „Kinski spricht Weltliteratur“-LPs: Büchner spricht er da, Rimbaud, Villon, Shake-speare, Baudelaire: alles alte Bekannte, „des vrais dieus“, Dichter, die die Sprache als Pike einzusetzen verstanden. Kinski schreit, hustet, spuckt, lacht: das ist metasensorische Poesie, das lebt, und das meine ich, wenn ich sage, man muß Rimb fühlen und nicht nur seine Gedichte lesen und „aha, Symbolismus“ sagen.
Es ist mit Rimb wie mit einer wirklichen Freundschaft: je öfter man zusammen ist, zusammen läuft, trinkt, lacht, raucht, singt, desto näher kommt man sich, desto mehr versteht man sich. Gesammelte Werke lesen reicht nicht. Man muß ihn kennen. Und ich kenne ihn gut.

Ich muß schließen. Ich habe eine Verabredung. Ich schnüre mir die Laufstiefel, setze den Merlinhut auf, fülle mir eine Thermoskanne mit Tee und packe auch eine Decke ein. Ich weiß nicht, wann ich zurückkommen werde, noch, wo er diesmal auf mich wartet, an Pfingsten wars in Romanshorn. Aber wir werden uns nicht verfehlen.
Der Bodensee glitzert, die Sonne geht unter. En marche.
 
Axel Monte
Zur Hölle mit dem Underground

(...) Razzia unten im Viertel. Und wieder fahren welche mit der Underground zur Hölle. Dort steht die Agentur, wo sie die schmutzigen Jobs vermitteln. „Wenn ich es nicht mach, dann macht’s ein anderer.“ Stimmt genau, und dieser andere bist du, weil ein noch anderer den Job nicht machen wollte. Think twice, it’s not alright, babe. Hier werden Söldner für die Pöbel-Schwadron rekrutiert. Sie schwärmen aus und das Viertel steht bald vor Haß in Flammen. There’s a burning and a looting tonight. Jetzt sucht so mancher Zuflucht im Büro für karmische Schadensregulierungen. Dort sind die Buchmacher des Schicksals am Werk, die Gewinnquoten immer auf ihrer Seite, sie wollen dem Kismet ein Schnippchen schlagen, sie

pfuschen in deinem Ewigkeitskonto herum und frisieren die Bilanz so lange, bis sie tatsächlich halbwegs der Wahrheit entspricht, und dann gibt es kein Entrinnen mehr. Mögest du nie so tief sinken, ihre Dienste in Anspruch nehmen zu müssen. (...)

Rude Look Oriental, jetzt im Heinz Wohlers Verlag: www.Heinz-Wohlers.de
 

Ira cohen
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Axel Klingenberg
Epigramme

An Charles Bukowski

Für dich, dessen Gedichte sich nie reimten,
Der sich stets verweigerte der strengen Form,
Dessen Worte ganz ungebunden, nun ja, keimten,
Ist dies Epigramm, verfasst nach alter Norm.

Epigramm an Pratajev

Du machtest nicht nur Gedichte und Gesänge
und hattest ein Gesicht und ein Gehänge
sondern brautest auch den Kräuterschnaps
nicht nur aus Kräutern, nein, auch aus Raps.

Nicht an Gottfried Benn

Soll ich reimen und dichten,
Soll ich schleimen und richten
Ein Epigramm an Gottfried Benn?
Nein danke, das macht wenig Senn!

An mich

Dass mich bald die Muse küsst
Oder mich links liegen lässt,
Ist so sicher wie nur was –
Scheiß auf Lyrik, ich hasse das!

 

Florian Vetsch
Antizyklisches romantisches Manifest

auf der Insel Rügen

& warum nicht noch etwas weiter krabbeln &
sich in den Wissower Klinken stürzen, mit
Caspars Unendlichkeit vorm Kopf? & warum

nicht sich in die Korrespondenzen mischen
zwischen Die Ostsee den Deutschen – es reicht
& dem wundersamen Eichenwald- &
Küstengemurmel, den Heliadentränen?
Ressentiment pur.

 

James Reidel
Grave Snow

It would be easier resetting the two-inch ash
Broken from my cigarette left burning in the house,

Splint the limping sparrow with toothpicks
(Some hope’s always hopping behind my eyes,

Which you see as a trick of light and clouds outside),
Than my standing the way Ferrar played Lautrec.

I break off the frostbitten tips from this green glove
of leaves
That unclenched from its secret bulb.

Meltwater weeps through my knees.
My wet pants are like under rocks,

The unfinished ellipsiad.
Palms burned pink from the grave blanket snow.

James Reidel was born in Cincinnati and educated at Columbia and Rutgers universities. He is a poet and the author of Vanished Act: The Life and Art of Weldon Kees (University of Nebraska Press, 2003). He also translates the poetry of Thomas Bernhard, Ingeborg Bachmann, and, currently, Franz Werfel. He has published his own work in The New Yorker, Conjunctions, The Paris Review, Ploughshares, TriQuarterly, Ironwood, Verse, The New Criterion, and numerous other journals—including such online publications as the Cortland Review, The Adirondack Review, and Pieran Springs. A chapbook, A Great Reckoning in a Little Room, selected by David Rigsbee, will be published by Pudding House in spring 2005.
 

Dominik Irtenkauf
im Interview mit Wolfgang Müller

Island ist ein kleines überschaubares Land am Rande Europas. Fasziniert Dich das gerade
daran? In Deinem Buch Die Elfe im Schlafsack zählst Du mit Vorliebe alle möglichen Tierarten und interessanten Menschenexemplare auf, die auf Island anzutreffen sind. Es hat einen beinahe enzyklopädischen Charakter im Kleinen.

Auf jeden Fall lädt diese Überschaubarkeit erst einmal ein, etwas Enzyklopädisches anzugehen. Wo sonst hätte ich vom Staatspräsidenten Olafur R. Grimsson über den Heidenoberpriester, bis hin zum Bischof und Elisa Alfredsdóttir, der ersten Vorsitzenden der Transvestitenorganisation alle Spitzen religiöser, staatlicher und kultureller Institutionen in relativ kurzer Zeit treffen oder kennen lernen können? Mich interessieren dabei auch die Beziehungen all der Repräsentanten untereinander, wie sie ihre Identitäten entwickelt haben und die daraus folgenden Strukturen der gesellschaftlichen Kommunikation. Alle Isländer sind spätestens in der fünften Generation miteinander irgendwie verwandt, also scheinbar eine Art Großfamilie. Andererseits ist jeder auf seine Autonomie bedacht. Eigensinnig zu sein, scheint hier eine Qualität zu sein. Das lässt sich auch an Björk oder Sigur Rós gut erkennen.

Elfen entstammen der Mythenwelt; so ist Dein Büchlein im Verbrecher Verlag auch mit dem
Untertitel „Neue Märchen und Fabeln aus Island“ geschmückt, doch im Anhang wird deutlich, daß die dort interviewten Isländer oder Wahl-Isländer etwas mehr von Elfen halten, als es landläufig in unserer „aufgeklärten Welt“ üblich ist.

Dass die Isländer an „Elfen glauben“ ist eine beliebte Projektion vom europäischen Kontinent. Im Mittelalter bis ins 17. Jahrhundert galt Island als Pforte zur Hölle, ganz offiziell. Die Kirche hatte sich den aktiven isländischen Vulkan Hekla zum Hölleneingang auserkoren, wenngleich auch der Ätna in Italien zeitweise unter der Geistlichkeit zur Diskussion stand. In dieser Zeit war man überwiegend der Ansicht, die Isländer seien unzivilisiert, sehr zauberkundig, abergläubisch und nähmen den christlichen Glauben nicht ernst. Logisch, was kann man auch erwarten von einem Volk, dass so nahe der Hölle wohnt? Ende des 18. Jahrhunderts, in der Romantik verwandelte sich das vorher „hässliche, trostlose Land“ plötzlich in

eine „Naturschönheit“, aus den gemarterten Seelen, Geistern und Widergängern an den Hängen Hekla wurden zauberhafte, romantische Elfen. Für die Menschen in Island waren und sind die Elfen ein Synonym für Unterschiedlichstes: Für Unerklärliches, für Zukunftshoffnungen, Utopien, Naturkräfte, Tabus oder Kreativität. Das Wort „Glauben“ selbst stammt aus der christlichen Mythologie. Man kann an Gott glauben, an Elfen nicht. Das macht die Elfen und ihre Verehrer sympathisch

Es herrscht „sanfter Tourismus“, was Island anbelangt. In gewissen Insiderkreisen
besitzt Island schon eine ganze Weile einen Kultstatus. So war auch mein Vater da auf
Rucksacktour, mir selbst blieb das bislang noch verwehrt. Du selbst bist sehr aktiv, was das
deutsch-isländische Verhältnis angeht. Worin besteht Deine Motivation?
In der unleugbaren „wilden Romantik“ der Felseninsel?

Einerseits finden sich auf Island tatsächlich noch große, relativ unberührte Naturlandschaften, wie es sie sonst in Europa nicht gibt. Andererseits wird gerade dort, wo diese Natur besonders unerschlossen ist, im Hochland zur Zeit ein großes Wasserkraftwerk gebaut, um eine energieaufwendige Aluminiumhütte zu betreiben. Große Teile einer Region mit seltenen Tier- und Pflanzenarten werden deshalb unter Wasser gesetzt. Immerhin 290000 Hektar, das sind drei Prozent der gesamten Landesfläche. Bevor dieses Milliardenprojekt geplant wurde, glaubten alle Isländer, sie wären sowieso Naturfreunde, Grüne und brauchten keine grüne Partei. Seitdem dieses Vorhaben durch den amerikanischen Alcoa-Konzern betrieben wird, gibt es plötzlich eine Linke Liste/Grüne. Diese stellte sich vor fünf Jahren erstmals zur Wahl und bekam aus dem Stand zwölf Prozent. Mich interessieren weniger die Romantik, als generell Prozesse der Umwandlung und Veränderung, eingeschlossen der globalen, die in Island an dem Alcoa-, aber auch am DeCode-Genforschungsprojekt sichtbar werden.

Der Ornithologie, der Wissenschaft von den Vögeln, kannst Du zudem einiges abgewinnen.
Beruht das für Dich eher auf einer symbolischen Ebene (als Zeichen für die Seele) oder doch
auf biologisch-naturwissenschaftlicher Gründlichkeit? Du hast immerhin über die Blaumeise
zweisprachig geschrieben.
 

In jedem Leben steckt Unendlichkeit. Die Blaumeise, die mich in Kreuzberg besuchte und an meinem Fenster brütete, führte mich zu der fürchterlichsten deutschen Talkshow, in wunderbare Landschaften und nun in die „Neue Brehm-Bücherei“. Die Autoren des Blaumeisentitels dieser wissenschaftlichen Schriftenreihe, die Biologen Karin Pegoraro und Manfred Föger haben im Kapitel „Menschen und ihre Beziehungen zu Blaumeisen“ ausführlich über meine Arbeit berichtet. Das hat mich sehr gefreut. Dass mein Buch „BLUE TIT“ zweisprachig ist, isländisch und deutsch, habe ich der Blaumeise und unserer Sprache zu verdanken: Blaumeise heißt auf englisch „blue tit“. Das „tit“ stammt aus dem Altisländischen „tittr“, was neuisländisch „tittlingur“ ist und soviel wie „Vögelchen“ oder „Piepmatz“ bedeutet,  letzteres übrigens auch  verniedlichend umgangssprachlich im Gebrauch für das Geschlechtsteil des Mannes. Also, so etwas wie Piepmatz. Und da es in der isländischen Fassung der Nibelungensage Meisen sind, die dem Held Siegfried die Vogelweissagung ins Ohr flüstern, sollte das Buch auch dem eigentlich blaumeisenlosen Island und seinen Bewohnern gewidmet und zugänglich sein

Deine Literatur in Die Elfe im Schlafsack wirkt auf mich wie eine klassische Reisebeschreibung, garniert mit vielen geographischen Details. Was die Schreibe auflockert, ist ein Bezug auf das Leben im 21. Jahrhundert. Geht es Dir womöglich um eine Aufdeckung mythischer Strukturen in unserer Welt des „Understatements“ und der Coolness?

Unsere Welt ist sicher nicht weniger absurd wie vergangene Welten. Ich versuche mir gern vorzustellen, dass jemand in der Zukunft etwas liest, was heute geschrieben wurde. Wo würde er einen Lachanfall bekommen, wo heute keiner lachen würde? Wo würde er ernst sein oder gelangweilt, wo heute alle amüsiert wären? Mit der Aufdeckung mythischer Strukturen in unserer Welt und Zeit möchte ich aber nicht die Welt entzaubern. Ich denke, sie wird auf diese Weise eher zauberhafter.

Ein Zitat aus dem Buch: „Aber die isländische Tierwelt setzt große Hoffnung darauf, dass es
im Zuge der aktuellen Diskussion zur Konstruktion der Geschlechter, der sogenannten Gender- Debatte, doch noch zu einer Fabel oder wenigstens fabelhaften Erzählung über das Vögelchen (d.i. das Odinshühnchen)  kommt.“ (S. 91-92)
Weist das auf die Konstruktion unserer gesamten Wirklichkeit hin, in Richtung Konstruktivismus, daß

selbst so vermeintlich urwüchsige Dinge wie Märchen und Sagen aus einer menschlichen Setzung resultieren? Ich meine damit nicht die Erzähler als eine Art Medien, sondern vielmehr die Prozesse, die dahinter stehen. Kann man heute noch an Märchen glauben?

In den Märchen und Sagen finden sich sehr deutlich die moralischen und gesellschaftlichen Konventionen der jeweiligen Kultur und Epoche, das urwüchsige oder ungesteuerte liegt da eher im unbewussten Bereich. Oder es dient dazu, ein Gegenbild zur „Vernunft“ zu bilden, auf dass sie noch vernünftiger werde. Ich habe mal zwei alte Märchen von zwei gehörlosen Freunden für eine Videoproduktion des Dresdner Hygienemuseums vortragen lassen, in ihrer Sprache, der Gebärdensprache. Beide Märchen waren sich im Ursprung sehr ähnlich, in der Handlungsfolge und der Rollenverteilung aber völlig anders. Das isländische Märchen hieß „Huldamanna-Saga“, eine Art Elfen-Genesis, die von Thorhallur Arnarsson in isländischer Gebärdensprache vorgetragen wurde. Das deutsche Pendant hieß „Evas ungleiche Kinder“ von Jacob Grimm, vorgetragen in deutscher Gebärdensprache von Thomas Zander vom Deutschen Gehörlosentheater in Berlin. Ganz deutlich konnte man die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede der beiden Märchen erkennen und darüber viel über die deutsche und isländische Gesellschaft in der Zeit der Niederschrift dieser Märchen erfahren. Und außerdem etwas über die Entwicklung zweier unterschiedlicher Gebärdensprachkulturen.
Als ich die „Sage vom Odinshühnchen“ geschrieben habe, war mir bewusst, dass eine Objektivität der Wissenschaft nicht existiert, sie ganz stark von den jeweils gesellschaftlichen Umständen beeinflusst ist. Jede „Ausnahme“  – wie der alleine, ohne Mithilfe des farbenfrohen Weibchens brütende und die Kinder aufziehende männliche braune Odinshahn –   führt zu merkwürdigen Konstruktionen, um das errichtete Wissenschaftsbild nicht zusammenstürzen zu lassen. Eine Sage kann mit der Geste des alten, gesammelten Erfahrungsschatzes ein anderes Erklärungsmodell präsentieren und etwas völlig anderes behaupten als die Wissenschaft – und es klingt überaus logisch und vernünftig. Das heißt: ein Märchen wird wahr.

Du hast auch auf einer CD Elfenmusik aufgenommen. Wie haben sich denn die Aufnahmen hierzu gestaltet und was unterscheidet Elfenmusik generell von menschlicher?
 
 

Der Gesang der Elfen ist ja eigentlich unhörbar, genau wie Elfen in der Regel unsichtbar sind. Nur gelegentlich erscheinen Elfen einzelnen Menschen. So ist es auch mit ihrer Musik. Diese dringt nicht durch das Ohr und den Gehörgang, sondern unmittelbar ins Gehirn. Deshalb können auch gehörlose Menschen den Gesang der Elfen hören.

Mit Deiner Band DIE TÖDLICHE DORIS konntest Du in den Achtzigern einiges an Kultpunkte sammeln. Was läuft da noch und wie betrachtest Du die – vorsichtig ausgedrückt – experimentelle Musik Deiner Gruppe heute?

Vieles, von dem was ich heute mache, ist in Die Tödliche Doris bereits angelegt oder angedacht worden. Als die Gruppe 1980 gegründet wurde, haben wir beispielsweise mit gehörlosen Freunden Musik gemacht. Es ergab sich einfach, dass Rolf Puttrich-Reignard gern mitmusizieren wollte. So habe ich mit ihm einen Film gedreht, wo er Schlagzeug spielt und bin mit ihm im Tonstudio gewesen. Er spielt heute Theater und hat Projekte in Gebärdensprachpoesie realisiert, diese waren dann meist vom Rap beeinflusst. Damals wusste ich natürlich nicht, wohin genau diese Zusammenarbeit führen wird, weder für ihn, noch für mich.
Die Tödliche Doris war die spannende Unternehmung Gedanken, Ideen und Stimmungen miteinander in Beziehung zu setzen, eine Philosophie mit dem Material „Musik“ zu formulieren und das Ergebnis dieses Prozesses – egal ob es sich nun „schön“ oder „hässlich“, „langweilig“ oder „aufregend“ anhört – vorzustellen, zur allgemeinen, aber auch zu unser eigenen Überraschung. Und all das zu tun, ohne dabei beliebig oder unverbindlich zu sein. Das Projekt sollte auf eine sympathische Weise rücksichtslos sein. Man könnte sagen, Doris war extrem offen, aber auch furchtbar stur.

Du bringst in vielen Künsten etwas in Bewegung: welche liegt Dir am ehesten? Bei der
Tödlichen Doris wird viel gesprochen, ist von der Poesie gar nicht so weit weg. Denkst Du, daß es ein Phänomen unserer Zeitgeschichte ist, in vielen verschiedenen Künsten zu „dilettieren“?

Es geht mir gar nicht so sehr um das „dilettieren“, sondern darum, dass viele „Profis“,  also sogenannte Fachleute ungeheuren Schaden anrichten, die von anderen „Spezialisten“ wieder umständlich behoben werden müssen. Die Kategorisierung in Profis und Dilettanten hat eher etwas mit den vorhandenen Machtstrukturen zu tun. Der spezialisierteste Spezialist aus dem Atomkraftwerk wird ja

immer felsenfest behaupten, dass die Atom-Endlagerstätte absolut sicher ist. Ein Dilettant könnte dagegen sagen, mir scheint es schwer vorstellbar, dass die Sicherheitsbeamten des Eon-Konzerns die Endlagerstätte 40.000 Jahre lang verantwortungsbewusst bewachen werden. Der Begriff des Dilettantismus wird von den Profis immer dann gern benutzt, wenn sie keine Antworten haben und kritische Fragen abwehren möchten.
Der Kunstbereich ist Teil der Gesellschaft, nicht abgekoppelt von ihr, dort wird ebenso „professionell“ und abhängig gearbeitet. Es scheint mir wichtig, dort für größtmögliche Unabhängigkeit zu kämpfen. Es ist möglich, durch und mit Hilfe der Kunst gewisse Fragen zu stellen, die tabuisiert, verdrängt werden oder aus anderen Gründen unerwünscht sind. Es geht aber nicht darum, die Kunst zu funktionalisieren, ihr die Rolle des kritischen Korrektivs zuzuweisen. Die Kunst steht letztlich auch immer für sich selbst.

Verstehst Du Dich bei Deiner Literatur und Deinem Wirken in Island eher als Diplomat oder Künstler? Wie offiziell darf ein ursprünglich aus der Subkultur entstammender Impuls werden?

Ein Künstler ist immer auch ein Diplomat, wenn ihm an der Vermittlung seiner Arbeit etwas gelegen ist. Ich freue mich über die Einladungen, die ich seit einigen Jahren von der isländischen Botschaft in Berlin erhalte. Da ich zum Glück sehr neugierig bin, bietet sich so die Gelegenheit, einen Repräsentationssaal im Roten Rathaus in Berlin Mitte anlässlich der 60-jährigen Unabhängigkeitsfeier Islands zu betreten, klassische Musik und feierliche Ansprachen zu hören. Manche sind interessant, manche eher langweilig. Es geht doch nicht darum, sich abzugrenzen zur sogenannten offiziellen oder etablierten Kultur. Als ich nach Auflösung des staatlichen Goethe-Institutes in Reykjavik 1998 dort das „weltweit erste private Goethe-Institut“ eröffnete, hielt die Goethe-Institutszentrale diese Aktion zuerst noch für einen Künstlerscherz, einen Gag. So hielt man sich zurück und sprach von „einer witzigen Idee“.. Als das Kunstprojekt aber über drei Jahre hin agierte und immer bekannter und einflussreicher wurde, der isländische Botschafter in Berlin, Ingimundur Sigfusson schließlich im Mai 2001 eine „Zweigstelle“ des privaten Goethe-Institutes von Reykjavik im Berliner Frisörsalon BEIGE mit einer Ansprache eröffnete, wurde die Rechtsabteilung des Goethe-Institutes plötzlich rege. Man sandte mir eine umfangreiche Unterlassungsverpflichtungserklärung wegen „schwerwiegenden Eingriff in einen ausgeübten Gewerbebetrieb“, der sie laut Paragraph 19, Absatz 3 zum „Schadenersatz berechtige“. Außerdem dürfe ich nie wieder öffentlich behaupten, Leiter eines Goethe-Institutes zu sein. Für jeden Fall der Zuwiderhandlung wäre

eine Geldstrafe von 10.000 DM fällig. Das heißt, ein Konzept aus der „Subkultur“ wuchs und gedieh so vortrefflich, dass die Vertreter der „Hochkultur“ plötzlich die Unterschiede zwischen einem staatlichen „Goethe-Institut“ und einer Kunstaktion nicht mehr wahrnehmen können.
Es war ungefähr so, als ob das dänische Königshaus Hamlet-Inszenierungen verbietet, weil da jemand auf der Bühne behauptet, er sei der Prinz von Dänemark. Das heißt, wenn die Realität bereits so jämmerlich ist, dass ein Schauspiel, ein Theaterstück diese übertrifft, dann kann ein subkultureller Impuls plötzlich hochoffiziell werden und die alten Strukturen in Frage stellen, wenn nicht gar ersetzen.

Und dann verschwindet die Kunst?

Im Gegenteil. Sie wächst und erblüht in neuer Gestalt. Mein Kunstprojekt nannte ich um in „Walther von Goethe Foundation“, nach dem letzten direkten Goethenachfahren, seinem Enkel, einem erfolglosen Komponisten und Schriftsteller. Die Foundation besorgte 2002 die Erstübersetzung von Goethes erstem naturwissenschaftlichen Werk Die Metamorphose der Pflanzen in die isländische  Sprache und veröffentlichte sie als Taschenbuch.

Die Metamorphose der Pflanzen in isländischer Erstübersetzung plus deutschen Originaltext: http://wolfgangmueller.net/content/de/bilder/metamorphose_cover.html
 
Wolfgang Müller, 1957 in Wolfsburg, Niedersachsen,  Künstler, Musiker & Autor, lebt in Berlin und Reykjavik. Ausführliche Biographie siehe http://www.wolfgangmueller.net.1980 – 1987 Gründungsmitglied von Die Tödliche Doris http://www.die-toedliche-doris.de. Realisation zahlreicher Musik-, Film- und Videoprojekte, Ausstellungen, Konzerte im In- und Ausland, u.a. Musée d’Art Moderne Paris, The Museum of Modern Art, New York und Quattro, Tokio. Veröffentlichung zahlreicher Schallplatten, CDs und Videos in Deutschland, den USA und Japan. 1987 documenta 8, Kassel. Bücher: 2003 Die Tödliche Doris – Kino, Martin Schmitz Verlag 2002 Goethes Versuch, die Metamorphose der Pflanzen zu erklären in isländischer Erstübersetzung, Schriften der Walther von Goethe Foundation; 2001 Die Elfe im Schlafsack, verbrecher verlag; 1999 Die Tödliche Doris – Kunst,

Martin Schmitz Verlag; 1998 BLUE TIT – das deutsch-isländische Blaumeisenbuch, M. Schmitz Verlag; 1982 (Hrsg. und Autor) Geniale Dilletanten, MERVE-Verlag. Musik: 2004 Sirenen aus dem untergehenden Westberlin, Hybriden-Verlag 2003 Mit Wittgenstein in Krisuvík, CD 22 Songs, A-Musik Köln;  2002 Islandhörspiele, Martin Schmitz Verlag; 2001 Hausmusik - Stare auf Hjertoya singen Schwitters, CD/Katalog, Galerie Katze 5  1987 BAT LP, DTD Schallplatten. Performances/Veranstaltungen: 2003 Museum für Moderne Kunst, Wien; 2002 Die große Stimmgabel-Show, Haus der Berliner Festwochen 2000 Neues von der Elfenfront, Museum für Moderner Kunst, Frankfurt; 1999 Die Tödliche Doris in gebärdensprachlicher Gestaltung, Volksbühne im Prater Berlin; Die Island-Show, Podewil, Berlin; 1998 Elfenkongress, Volksbühne Berlin;  1998 Ný Goethe-stofnun, Living Art Museum Reykjavik. Hörspiele (als Autor/Regisseur) für den Bayerischen Rundfunk: 2000 Das Echo ist der Zwerge Sprache, 4-teilig; 1996 Thrymlied- Islandnoten von Úlfur Hróðólfsson; 1994 hörspiel  (mit Holger Hiller). 2001-02 Gastprofessor im Bereich Experimentelle Plastik, Hochschule für Bildende Künste, Hamburg.
 

Susi Klossek

Mitvierziger verdrehn sich sehnsuchtsvoll
Die Hälse nach den jungen Dingern
Die ihre Bikinis wieder
Viel zu knapp gekauft haben

Sie wedeln mit den Hinterteilen
Und die Männer drehen sich einsam
Und leicht resignierend
Auf den Bauch um ihre Erektion zu verbergen

Die Umkleidekabinen sind nur 30 Meter entfernt
Einmal noch mit so einer Drallen
Auf Tuchfühlung gehen
Heimlich und verstohlen mit der Hand ins Höschen greifen
Ein bisschen Zärtlichkeit
Ein bisschen Begierde
 
 

Doch sie sind zu alt zu unattraktiv
Lichte Haaransätze und Schmerbäuche
Stossen nur noch auf Verachtung der Mädchen
Die noch daran glauben
Dass Schönheit nicht vergänglich ist

Ich versteh sie so gut
Die verschmähten Männer
Und würde ihnen gern ein bisschen zur Hand gehen
Aber mich wollen sie eben auch nicht

In der Hoffnung auf ein bisschen Liebe
Vergeht der Tag
Und manchmal auch das Leben

 

Peter Meinke
SCARS
When I was young I longed for scars
like my father’s   They were the best
scars on the block   startling   varied
pink as a tongue against his whiskey skin

The longest bolted from his elbow
finger-thick where the barbed wire plunged in
a satin rip thinning toward the wrist
I read the riddle of my father’s body

like a legend punctuated by pale hyphens
neat commas  surgical asterisks and exclamation
points from scalp to ankle   His tragic knuckles
spoke violence in demotic Greek

My silent father said little  too little  it seems
but after the divorce he told me  tracing
the curved path on his skull where hair never grew
‘It’s the ones you can’t see that kill you’

and it’s true our doctor said his liver
which did him in  was scarred like an old war-horse
Still  the mark I knew best I gave him myself  hitting
a pop fly straight up and swinging the child’s bat again
 
 

with all my might as the ball descended
over the plate   He had run in to catch it
and the bat cracked him under his chin  dropping
my father like a murdered king  peeling a wound

no butterfly bandage could cover   I was too stunned
to move  but the look my mother gave me proved
no matter what happened later  this man bleeding
like Laius on the ground was the one she loved

(from SCARS, 1996) first published in The Atlantic Monthly, 1992

Peter Meinke has published twelve books of poetry, six in the prestigious Pitt Poetry Series, including Zinc Fingers (2001), Scars (1996), and Liquid Paper (1991).   His work has appeared in The New Yorker, The Atlantic, The Georgia Review, The New Republic, Poetry, and elsewhere.  His collection of stories, The Piano Tuner, received the 1986 Flannery O’Connor Award, and Zinc Fingers received the 2001 SEBA Award for Poetry (Southeast Booksellers Association).   Most recently (2004), a collection of poems called Maples and Oranges has been translated and published in St. Petersburg, Russia. He and his wife, the artist Jeanne Clark, have lived in the Driftwood area of St. Petersburg for over 30 years.

 

Daniele Pantano
SPEEDOMETER NEEDLE

Foot anchored, its head lashes past lit auguries.

Governed by eyes firm to embrace, to forge
a carbon fiber skirt around the nearest tree,

its slash body, mounted by g-forces, succumbs
to an impetuous grin: acceleration’s blackout.

Hood furrowed / Chassis rived / Headlights craned

Man’s invention which most resembles a living thing
bears the same fatal flicker as our suicidal tongues

anticipating the metallic savor of a .40 caliber cock.

Daniele Pantano’s background is multinational and multicultural. Of Italian and German parentage, he was born in Langenthal, Switzerland, in 1976. Pantano is a widely published poet, author, and philosopher: his individual works have been featured in journals and anthologies in Europe, Asia, and the United States. He edits several European and American literary journals and currently lives in Brandon, Florida, with his wife and two children.

 

Florian Vetsch
König Fahd kommt nach Genf

im Sommer 2002

Nestlé leckt ihm die Zehen, doch er kann
auf 800’000 Mosaikteilen im Pool
kein Spinnlein ertragen. Eine Hyäne
in der Morgendämmerung am Bellerive
ein Würfelzucker über unter-
irdischen Gängen im Rollstuhl
vorbei an Zäunen & Insektiziden. Er hat
den Pakt mit Wahhab & 1 Blut-
gerinnsel im Aug; dessen Geäder quirlt bis ins
Splitterland.
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Tanger Telegramm www.PaulBowles.org
 

S.W.Pratajev
An einem Birkenbaum
Hatte man sie hingehangen
Es war gar nicht so leicht
Alle Katzen einzufangen
Viele kratzten
Und setzten sich zur Wehr
Doch zuguterletzt
Half das auch nichts mehr
Tote Katzen im Wind
Sind, wie sie sind
steif geworden und unansehnlich
Doch so ist das für gewehnlich
Tote Katzen im Wind
Sind, wie sie sind
Der Hermelin
(aus: Lieder eines Veterinärs)

Gebacken wird zum Festtagsschmaus
Ein alter Hermelin
Vorher mußt’ mit hartem Holz man ihm
Eins über die Rübe ziehn

Fürs Fell bekommt man gutes Geld
Das Fleisch schmeckt leicht nach Jauche
Mit klarem Wodka würzt man ihn
Nach altem Bauernbrauche

Man deckt ihn dann mit Käse ab
Den kriegt man von der Ziege
Gebacken wird nun vierzehn Tage
Das tötet jede Fliege

Der Hermelin nun gar und weich
Schaut mit verträumtem Auge
Die Köchin aus dem Kochtopf an
Ich sage was ich glaube

Ich glaube wohl das Ding schmeckt nie
Das kann man glatt vergessen
Der Hermelin taugt nur zum Pelz
Und nicht zum Festtagsessen.

Sergeij Waschowitsch Pratalinko

Endlich auf DVD!
Schon zu Lebzeiten wurde S.W. Pratajev (1902-1961) kulthaft verehrt, was ihn jedoch weniger davor bewahrte, zeitweise in Vergessenheit zu geraten. Pratajev betätigte sich nicht nur als Dichter und Sänger, sondern unter anderem auch als Karussellführer, Hilfszahnarzt, Teilzeitorthopäde, Verfasser von Fachbüchern und Verkoster.

Heutzutage trägt Pratajev den Beinamen “Puschkin von Miloproschenskoje”, was seinem umfangreichen Werk eine gerechte Würde und hymnische Note verleiht.
So hinterließ S.W. Pratajev neben Prosa und Lyrik auch „Medizinische Schriften“ und ging selbst als Figur in die Sagenwelt seiner Heimat ein.
Neueste Forschungsergebnisse über - und Anekdotisches zu Sergeij Waschowitsch Pratalinko - wurden bereits in Büchern zusammengetragen, aber auch wieder entdeckte Gedichte, Geschichten, sowie die Werke „Der Dorfsowjet greift ein“ und „Die Kriminalfälle des Igor Pavlowitsch“, spielen eine nicht unbedeutende literarische Rolle im Schaffen des russischen Volkshelden Pratajev.

Bücher über Pratajev:
Holger Makarios Oley, 1. Vorsitzender der Pratajev-Gesellschaft und ehemaliger Sänger der Gruppe Die Art (jetzt u.a. Wissmut), befasst sich seit Jahren mit dem Phänomen Pratajev als offizieller Nachlassverwalter. U.a. sind bisher erschienen: “Pratajev-Almanach, Band 2 & 1“ (Fünffingerferlag Leipzig – www.fuenffinger.de)
 

Dieser Fundus - sowie zahlreiches, bisher unveröffentlichtes Manuskriptmaterial - lieferte die Vorlage zur DVD „Schnaps und Weiber“, auf der Pratajevs Leben erstmals nicht nur besungen und gelesen, sondern auch filmisch in Szene gesetzt

werden konnte. Mittels vollster russischer Seele, musikalisch umrahmt  durch „The Russian Doctors“ und die Kapelle "Prumskibeat".

The Russian Doctors sind Makarios Oley und Frank Bröker Pichelstein, welche es sich seit 2003 zur Aufgabe gemacht haben, Pratajevs Textwerk in Musik zu kleiden. Unter dem Arbeitstitel „Heimatlieder für Heimatlose“ sind bisher die drei CDs „Rundblick vom Turm“, „Auch die Ratte hat ein Herz“, sowie „Gefesselt“ beim Label „Brachialpop“ in Leipzig erschienen. Im März 2005 folgt die Live-CD „The Secret Roxanne Sessions II“.

Die DVD enthält den für das 3. Pratajev-Sommerfest im August 2004 produzierten Film „Der Wirt und Ich – Pratajev im Teehaus Protnik“, in dem sowohl die „Miloproschenskojer Phase“ (1954-1959), als auch das genannte Teehaus im Mittelpunkt der Handlung stehen. Realisation: Verein zur Förderung der Leipziger Filmkultur e.V. www.filmkultur-leipzig.de

Pratajev ging aus dieser Phase als Landdichter hervor, der Bauern, sehr jungen Schwesternschülerinnen und Wirten so manches Denkmal zu setzen pflegte.

Weiterhin sind auf der DVD enthalten: Drei „gefesselte“ Videoclips der „Russian Doctors“, der lange zur Veröffentlichung geforderte Prumskibeat-Clip „In meinen schönsten Träumen“, Phil Shöenfelts Filmrecherchen zu „Pratajev in Prague“, sowie Hintergrund- und Making Off-Material, unterlegt durch einen bisher unveröffentlichten Titel der Russian Doctors, mit dem sich der Kreis zur DVD wieder schließt: Schnaps und Weiber.

DVD-EVP: 20 €
Bestellungen per Mail an Vertrieb:
UA2004-07-D
www.brachialpop.de

 

Holger Makarios Oley
Die Stadt in den Sternen

Die Stadt in den Sternen
Die Stadt hinterm Glück
Wer einmal dort gewesen ist
Kehrt nicht so schnell zurück

Denn all sein Blut fließt durch die Ader
Der kalten Sternenkönigin
Gelähmt ist er von ihren Worten
Was Du verlierst ist mein Gewinn

Die Stadt in den Sternen
Mit dem Hafen der Nacht
Wer einmal dort gewesen ist
Ist nie mehr aufgewacht

Denn aller Träume Bilder lügen
Verschwenderische Fleischeslust
Der Königin Morphin besiegen
Geht nicht - Und das hast Du gewußt

Die Stadt in den Sternen
Ein Irrlicht auf dem weiten Meer
Wer einmal dort gewesen ist
Kommt nicht wieder her.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Frank Bröker
Papierland

Träum wenn du wach bist
Auch wenn’s tiefe Nacht ist
Setz dich ans Fenster
Und mal dir Gedanken
Graut langsam der Morgen
Dann schlaf mit den Träumen
Träum

Zu viele Worte
Zerstören die Bilder
Wohin mit den Schmerzen
Wenn niemand dich beißt
Keiner soll sagen
Ein einziges Wort mehr
Träum

Papierland regiert von Kopf bis Herz
Der Rest bleibt ahnungslos
Und spricht besser nicht

Wach auf wenn es spät ist
Zerhacke die Bilder
Setz dich ans Fenster
Und warte auf das Mädchen
Mal dir das Mädchen
Und hol es herbei
Träum

Papierland - tötet von Kopf bis Herz
Der Rest bleibt ahnungslos
Und lebt besser nicht

Heroina (Schweig über das Wasser)

Rede nicht von Wolken
Schweig über das Wasser
Und tauche in die Tränen ein
 

Rede nicht von Flüssen
Schweig über das Wasser
Und wasche dich mit Tränen rein

Rede nicht von Meeren
Schweig über das Wasser
Und schwimme mit den Tränen fort

Kommst aus dem Himmel
Schweigst über dem Wasser
Fängst auf meine Tränen

Kommst aus dem Garten
Schweigst über dem Wasser
Sammelst meine Tränen

Gehst wann du willst
Springst nackt in das Wasser
Schwimmst weg in meinen Tränen
 
 

Nicholas Samaras
"ACCORDING TO HIS OWN DEMON"

after Pere Lachaise Cemetery
and the Inscription “Katav tovn daivmona eaujtou’”

What an epitaph to put on anyone's tombstone.
Who chiseled that in the stone Greek language,

and placed the phrase above him? I could translate
that signature over his death, and even Jim Morrison

deserved a better statement. But still, even in my own
youth, I had always wanted to get drunk on his grave—

to be so coolly dead and able to drink a toast.
Then, not according to his own demons, however

distorted by legend, but according to what was
good in his legacy:  the haunting words remembered

on an October night, walking solitary over a small stone
bridge on the Seine, bundling a European coat about me,

while in the distance, a schismatic Church-bell tolled.
Oh, then, Jim, may death and age mature us.

Nicholas Samaras has published poems in the New Yorker, the New York Times, Paris Review, Poetry, Michigan Quarterly Review, and the New Republic.  He has won the Colorado Book Award (Poetry Division), a prize from the Academy of American Poets, the Taylor Fellowship to Study Abroad, a New York Foundation for the Arts Poetry Fellowship, an NEA fellowship, and the Yale Younger Poets prize for his book Hands of the Saddlemaker (1991).  Survivors of the Moving Earth, his second book, was published in 1998.  Samaras hails from Woburn, Massachusetts, but has lived in New York, Greece, and in other parts of Europe and America. He has just completed his next book of poetry, and he currently teaches poetry at the University of South Florida.

 

Florian Günther
Demokratie in Zeiten des Terrors

Eins ist klar, sagte Max:
Für mich hat eine Möse ohne
Haare aufgehört zu
existieren. Ich sah das
auch so, aber
Richie war ganz
anderer Meinung.
Dennoch treffen wir
uns nach wie vor
zum Skat.
 
 
 
 

Frankfurter Allee

Haste mal ne Lulle?

Ich blieb stehen
und gab ihm eine.

Feuer?

Ich gab ihm
auch noch Feuer.

Ich bin pleite,
weißte. Ich fühl
mich mies
und keiner will
mich haben …

Und das ist es,
was Penner
manchmal
unerträglich
macht:

Sie schnorren,
und wenn du sie
nicht ignorierst,
erzählen sie
dir dein Leben.

 

Volly Tanner
missioniarischer beischlaf muss nicht sein

die embryonale stellung hat auch etwas für sich

ich werde dich berühren
dort, wo es pulsiert
in dir
wo es warm ist

und weich und fleischig
wo die adern stolz und prall vibrieren

nicht deine angemalte haut
nicht dein kontostand
und deine freunde
nicht deine karriereplanung
deine plattensammlung
und die rasse deines hundes interessiert mich
ich will nicht
deine geschichten
oder was du über
den werteverfall denkst
deine meinung über hartz vier
ist mir völlig egal

ich werde dich berühren
dort, wo die feuchten wände
nach schweiß und ewigkeit schmecken
wo die zeit keine rolle
mehr spielt
wo alles anfängt und alles endet

dort, wo dein rosa dunkel wird

verzeih mir meinen gesenkten blick
während ich durchs kaufhaus
stürze, verzeih
meine staubigen schuhe
meine stille
während ich mich ausstrecke nach dir

ich werde dich berühren
dort, ganz tief auf dem grund
damit du meinen schmerzenden rücken
wärmen kannst
damit du den tau
aus meinem nacken küsst
während ich
zusammen gesunken
in dir nach der sonne greife

 

Matthias Penzel
Meldung von Pichelstein, bzw. Dr. Go4it! +++ will : irgendwas von unterwegs, liveauszug
Mich erwischt das im Jammertal, südlich von Köln.
                         Vorgestern war klasse: Im MTC. Einer
                        brüllte schon dazwischen, als Enno zum
                           Eingangsgeleit Atomic Punk einspielte...

Wunderbar, Spotlight zum Erblinden, später
dasselbe Doppel,Stahlwerk & Penzel,unplugged
        +++ daher jetzt im Jammertal. Ich tue so, als hätte
                 ich ein Handy im Auto, erzähle mir: Auf dem#
                   Weg zur Lesung aus Fauser-Bio +++
                 Rebell im Cola-Hinterland, live im Taunus, links
              ein Abhang, kein Anhänger hinter mir, & das
                  rechts... ist das dann
 
Zurück zum Job, TELEGRAMMATISCHES
von Unterwegs +++ für Dr. Pichelstein
      Bad Schwalbach, im Hinterland über Frankfurt. Bad Schwalbach, Geburtsort von Jörg Fauser.
 Das Café fast gegenüber Rinnsteinen der Kindheit.
              Cafe heute schön, ordentlich, gepflegt. Ideal für
              Luftkurortbesucher. (Taunus: nicht nur ein Ford)
Charmant, findet Co-Autor Ambros.
Ich: reserviert, ist mir doch etwas omi-haft.
Aber dann, aber dann:
Abends voll bis in die hinterste Eckbank, Kuchen und Eckchen sind schnell alle, kaum ein Zuhörer unter 58. Und alle,
 
 

Thomas Stemmer
Techno ist keine Musikrichtung, sondern eine verabscheuenswürdige Straftat

In der Geschichte der Menschheit hat es immer wieder seitens einiger den Versuch gegeben, andere mit Gewalt umzuerziehen, sie gehirnzuwaschen und ihre Freiheit zu zerstören. Innerhalb der letzten 100 Jahre wurden viele Menschen Opfer von „Wir alle“–Systemen wie Kommunismus oder Faschismus oder anderen Kollektivismen, Dirigismen und Sozial–Gemunkel. Und obwohl nicht zu erwarten ist, daß diese unselige Tradition jemals endgültig aufhört, ist es doch ein nobles Unterfangen, die Unholde wenigstens zu benennen und ein starkes Wort für die Freiheit des Individuums einzulegen. Viel ist es nicht, was eingefordert wird: ledigleich das, was der US–amerikanische Autor William S. Burroughs als „m. o. b.“ bezeichnete („my own business“): Jeder kümmert sich um sich selbst und mischt sich im Leben des anderen nicht ein. Die Basis einer vernünftigen Moral bzw. Ethik.

Seit einiger Zeit nun zeigt die Fraktion derer, die anderen etwas aufzwingen, ein schlimmes Gesicht: Techno. Gnadenloses satanisches Gehirnwäsche–Hämmern, das aus und in Häusern, Autos, ja sogar als sogenannte „Love Parade“, nahezu überall und ohne jedes Feingefühl aufgezwungen wird.

Dabei ist es nicht nur diese unmoralische Verletzung der Freiheit desjenigen Individuums, das sich keiner Gehirnwäsche unterziehen möchte. Techno ist ebenso ein Produkt erstaunlicher Negativität. Als reine Drogen – Musik drängt es Welten auf, die zerstörerisch sind. Nimmt der Einzelne diese Drogen, ist sein Abstieg in den Irrsinn eine abgemachte Sache. Umso erstaunlicher, daß es legal möglich ist, andere mittels Techno–Drogen–Musik in den Drogen–Wahn mit einzubinden, ihn hineinzuzwingen.

Wer vom technoiden Drogenwahn anderer zugedröhnt und gehirngewaschen wird, der fragt sich, was hier geschieht.
 

Techno verstößt durchaus gegen geltendes Recht.

Verstoß gegen Grundgesetz Artikel 1, Absatz 1 „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Techno tastet die Würde anderer durch lautes gleichmäßiges, hypnotisches Folter–Hämmern massiv an.

Verstoß gegen Grundgesetz Artikel 2, Absatz 1 „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt (...)“ Techno verletzt per se die Rechte anderer, die keinen Anteil an diesem Hämmern haben wollen. Die freie Entfaltung der Persönlichkeit ist im Fall von Techno unmöglich. Es entsteht in Dröhn–Autos die immer gleiche verblödete Drogen–Visage. Von freier Entfaltung der Persönlichkeit keine Spur!

Verstoß gegen Grundgesetz Artikel 2, Absatz 2 „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.“ Das Zwangs–Hämmern verletzt. Von Unversehrtheit kann keine Rede mehr sein.

Verstoß gegen Grundgesetz Artikel 3, Absatz 1 „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ Anscheinend leider nicht mehr. Techno–Hämmerer dürfen offensichtlich andere öffentlich quälen.

Verstoß gegen Grundgesetz Artikel 11, Absatz 1 „Alle Deutschen genießen Freizügigkeit im gesamten Bundesgebiet.“ Nicht mehr. Ganze Areale werden mit satanischem Hämmern zugedröhnt und können von feinfühligen Individuen nicht mehr betreten werden.

Verstoß gegen Grundgesetz Artikel 13, Absatz 1 „Die Wohnung ist unverletzlich.“ Das ist Vergangenheit und gilt, wie es scheint, nicht mehr. Techno–Hämmerer dürfen mit irrsinniger Lautstärke in die Wohnungen anderer eindringen und sie bis in den letzten Winkel drogenhypnotisch und als Gehirnwäsche durchwummern. Eine Art inzwischen geläufiger, anscheinend normaler Form von Vergewaltigung.

Verstoß gegen Grundgesetz Artikel 14, Absatz 2  „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem

Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Heutzutage berechtigt der Besitz einer Techno – Dröhnanlage dazu, andere zu quälen.

Verstoß gegen Grundgesetz Artikel 18 „Wer die Freiheit der Meinungsäußerung (...) zum Kampfe gegen die freiheitlich–demokratische Grundordnung mißbraucht, verwirkt diese Grundrechte.“ Ein sogenannter Rave verstößt derart gegen die in Artikel 1 des Grundgesetzes gewährleistete Unantastbarkeit der Würde des Menschen (die festeste Grundlage einer freiheitlich–demokratischen Grundordnung), daß Techno–Hämmerer diese Grundrechte schon längst verwirkt hätten. Doch dem ist    - empirisch betrachtet -    nicht so.

+++++

Die Ordnung des Grundgesetzes ist also nahezu beseitigt. Zwar gibt es einen Artikel in diesem Grundgesetz, der zum Widerstand berechtigt, doch dieser Umstand blieb bislang folgenlos. Es handelt sich dabei um Artikel 20, Absatz 4:

 „Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“

Material genug für Juristen, die Zwangs–Hämmerer lange genug hinter Gitter zu bringen, daß Ihnen die Techno– Drogen ausgehen und sich der Kopf wieder klärt. Sollte eine derartige Klärung ausbleiben, bliebe nur noch die Psychiatrie.

Notiz zu den Zitaten:

Diesem Text liegt eine Ausgabe des Grundgesetzes
für die Bundesrepublik Deutschland zugrunde, die den
aktuellen Stand vom Dezember 2000 wiedergibt.
 
 
 
 

 

Ní Gudix
„Jener Realismus, der auch weiterhin das Unmögliche versuchen sollte“: ein paar Hinweise zum PLOOG-TANKER, herausgegeben von Florian Vetsch, Rohstoff-Verlag Herdecke 2004

Ein schönes Buch. Ein Schatz. Ein dicker fetter Schatz: fast 400 Seiten stark. Ich hatte mich schon lange auf dieses Buch gefreut; ich hatte Ploog sogar noch gebeten, mir unbedingt auch eins zu schicken, als das Teil bereits auf der Post lag und auf mich wartete. Und dann holte ich es dort ab und kam ne Woche oder was aus dem Lesen nicht mehr raus.  Ich bin auch jetzt noch nicht fertig mit Lesen, denn das Buch ist kein solches, das man „durchlesen“ kann und dann weglegen. Dazu ist es zu komplex.

Der von Florian Vetsch herausgegebene PLOOG-TANKER ist eine fantastische Kompilation mit „Texten von und zu Jürgen Ploog“, dem in Frankfurt lebenden CutUp-Autor, der mit William S. Burroughs befreundet war und mit der Gasolin 23 eine der wichtigsten Alternativ-Zeitschriften der literarischen Gegenkultur (als dieser Ausdruck noch keiner Anführungszeichen bedurfte) in Deutschland co-edierte. Klaus Wegener, der Verleger, schreibt in seinem Brief von „Ploogs bislang kaum gewürdigter Bedeutung“ und bemüht Hinweisbücher, in denen auf Ploog aufmerksam gemacht wird – dadurch wurde mir erst bewußt, daß dieser Mann, der für mich, seit ich 1994 auf Biby Wintjes’ LITERARISCHES INFOZENTRUM aufmerksam wurde, immer schon ein Großer und ein Wegweiser war, tatsächlich im „allgemeinen“ Literaturbetrieb kaum bekannt ist. Warum? Weil sich der „allgemeine“ Literaturbetrieb hauptsächlich aus Schwätzern und Phrasendreschern konstituiert, aus Leuten, die nichts zu sagen haben und die das Medium Sprache nicht beherrschen und nicht verstehen, sondern nur mißbrauchen, um sich die Taschen zu füllen – und weil die literarische progressive Gegenkultur, gesetzt den Fall, sie nimmt ihre Mission ernst, sich eben das als dickes DON’T auf ihre Fahnen geschrieben hat: DEKONDITIONIERUNG UND DE-ENTFREMDUNG DER SPRACHE! LASST EUCH NICHT EURE EIGENEN WÖRTER IM MUND UMDREHEN! LASST EUCH NICHT IN EURER EIGENEN SYNTAX ZU OBJEKTEN DEGRADIEREN! SCHLUSS MIT DER

INSTRUMENTALISIERUNG DER SPRACHE! NEGATION DER SCHWÄTZKULTUR! Und weil sich Jürgen Ploog an dieses Credo hielt.
Deshalb ist der PLOOG-TANKER für mich auch ein wunderbares Re-Flexions-Buch, ein Buch, das einen wieder auf sich selbst zurückbiegt (lat. re-flexi), das einen wieder daran erinnert, wofür man damals angetreten ist und daß die Lage durchaus nicht so hoffnungslos ist, wie man mitunter, an grauen Tagen, an denen nichts vorangeht, glaubt. Auch mir geht es manchmal so, daß ich resigniere und Käs schreibe für diverse Käsblättles, um Honorar zu kriegen; denn etwas anderes als
Käs drucken Käsblättles bekanntlich nicht, und die Hefte, die etwas anderes drucken, sind selbst so arm, daß sie kein Honorar zahlen können. Und da behaupte noch, Geld stinkt nicht! Es stinkt nach Käs. Dennoch: wir müssen nicht im Käs steckenbleiben! Es gibt Wege und Möglichkeiten heraus, auch wenn man manchmal nicht die Kraft hat, danach zu suchen – aber dieses Buch hilft einem wieder auf die Füße! EN MARCHE! - Der „Tod der Literatur“ wurde (Celan!) bereits nach dem Zweiten Weltkrieg proklamiert; das ist im Grunde nichts neues: 1871 proklamierte ihn Rimbaud, 1916 die Dadaisten (nur mit jeweils anderen Worten), 1968 taten es dann Enzensberger und Genossen, 1993 die Social-Beat-Fraktionäre - inzwischen ist die Literatur noch viel toter, bzw. die Feuilletons sind so unfähig geworden, daß sie nicht mehr zwischen lebender Sprache und aufgewärmten, vor Verwesung schon stinkenden Worthülsen unterscheiden können. Das heißt: die Appelle zur Bewußtwerdung über die Beschaffenheit des Mediums Sprache sowie zur progressiven Veränderung desselben sind nach wie vor lebensnotwendig, wenn wir, die Schreibenden wie auch die Lesenden und Hörenden, nicht lebendig unter Tonnen toter Phrasen begraben werden wollen.

CutUp war auch einer der Versuche, die Sprache wieder aus ihrer Erstarrung herauszuholen. Und Ploog brachte das CutUp aus Amerika, von William Burroughs und Brion Gysin, nach Deutschland – das war sein Hauptverdienst. Das wird im PLOOG-TANKER unter anderem dokumentiert, mit einem Burroughs-Interview und diversen, deutschen und englischen, CutUp-Texten. Ein geniales Foto von WSB und Ploog 1979 illustriert die enge geistige Verbundenheit der beiden – beide haben, wie mir auffällt, einen unheimlich klaren Blick. Das Vorurteil, progressive Sprachschaffende seien doch nur zugedrogte Spinner, die vor lauter Ideologie nicht mehr klar denken

können, wird auf die zurückgeworfen, die es im Munde führen, wenn sie sich hier den Ex-Piloten Ploog und den „größten Schriftsteller seit Shakespeare“ (Kesey) WSB ansehen.
Darüberhinaus ist das Buch auch ein Wiedersehen mit vielen bekannten Namen, die man teilweise seit Jahren nicht mehr gehört hat und jetzt wie alte Freunde begrüßt, sowie mit wirklichen alten Freunden: Axel Monte, Biby Wintjes, Jörg Fauser, Carl Weissner, Hadayatullah Hübsch, Allen Ginsberg. Und vor allem Thomas Collmer, dessen geniale Ploog-Besprechung Post-Underground: Wo gehts raus aus der toten Zone? ich schon in der ungekürzten Version im ROLLERCOASTER #3 (Dez. 2000) gelesen habe und die immer noch nichts von ihrem Glanz eingebüßt hat.
Vor fast genau einem Jahr habe ich Ploogs und Montes Partnerbüchlein Sprache ist ein Virus (PO EM PRESS Pentling) rezensiert. Jetzt hat er mich wieder. L’Éternitè.
Es ploogt. Ungemein.
Ein paar Mängel hat das Buch, zum Beispiel der teils seltsame Umgang mit der Rechtschreibung sowie das permanente Fehlen von Bindestrichen („Die Gasolin Jahre“), was, wie der u.a. auch Übersetzer Vetsch doch sehen müßte, ziemlich idiotisch wirkt aussieht. Aber das soll der Großartigkeit dieser Fundgrube keinen Abbruch tun.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Happy birthday!
70 YEARS OF IRA COHEN

AND STILL
 
WE WANT MORE
FROM THIS IMMORTAL POET & PHOTOGRAPHER
MORE
FROM THIS MULTI-MEDIA-SHAMAN & GREAT FUNAMBULIST
MORE
FROM THIS GENEROUS FRIEND & INVENTIVE ENEMY
MORE
FROM THIS AKASHIC AGENT SUPREMO
MORE
FROM THIS UNIQUE OUTLAW OF THE SPIRITS!
 
MAY YOUR STAR - DEAR UNBELIEVABLE IRIS - RISE & RISE & RISE!
 
 
 
 
 
 
 

by
florian
vetsch
 

Setlist & Impressum

Frank Bröker, Daniele Pantano: Vorworte ...............3
H. Hübsch: Kitt (Tanger up in blue) ...................4
Interview: Noëmi Landolt & Florian Vetsch:
Wo Herakles einst die Kontinente trennte ..............6
Markus Prem: Callboy                ..................11
Ronald Klein: Am Rande der Berliner Mitte ............12
Andreas Schmitt: Charles Bronson ist tot .............15
Thomas Schweisthal: Excalibur       ..................16
Gregory Vance Smith: Crucifixion Blush ...............16
Florian Vetsch: Es Wurde Härter In Zorahs Bar ........17
Andreas Graumann: Weltanschauung    ..................18
Carsten Brinzing: Eins zu Eins      ..................19
Anthony A. Lee: Fire Next Time      ..................24
Florian Vetsch: Rezension: Buks Pöms .................25
Ní Gudix: Rebel with a cause        ..................27
Axel Monte: Zur Hölle mit dem Underground ............37
Ira Cohen: American Single-Hand (…) ..................38
Axel Klingenberg: Epigramme         ..................40
Florian Vetsch: Antizykl. romantisches Manifest ......40
James Reidel: Grave Snow            ..................41
Interview: D. Irtenkauf & Wolfgang Müller ............42
Susi Klossek: - ohne Titel -        ..................49
Peter Meinke: SCARS                 ..................50
Daniele Pantano: SPEEDOMETER NEEDLE ..................51
Florian Vetsch: König Fahd kommt nach Genf ...........52
S.W.Pratajev: Tote Katzen im Wind, Der Hermelin, DVD .53
Holger Makarios Oley: Die Stadt in den Sternen .......56
Frank Bröker: Papierland, Heroina   ..................57
Nicholas Samaras: “ACCORDING TO HIS OWN DEMON” .......58
Florian Günther: Demokratie (…), Frankfurter Allee ...59
Volly Tanner: missioniarischer beischlaf (…) .........60
Matthias Penzel: Meldung von Pichelstein (…) .........62
Thomas Stemmer: Techno ist keine Musikrichtung(…).....63             Rezension: Ní Gudix - PLOOG-TANKER  ..................66
Florian Vetsch: Happy Birthday Ira Cohen .............69
Setlist & Impressum                 ..................70

Die ZS Härter ist keine Veröffentlichung im Sinne des Presserechtes & erscheint ohne Gewinnerwartung 1x pro Jahr in einer Auflage von 300-500 Exemplaren.
Die Text- und Bildrechte bleiben bei den jeweiligen Autoren und Einsendern. Redaktion D: Frank Bröker / Redaktion USA: Daniele Pantano / Vertrieb: www.alternative-art.
Bestellungen bei einem EVP von 5 € incl. Porto:
HÄRTER / Postbox 10 04 08 / D-04004 Leipzig
http: //www.st-groessenwahn.de / frank.broeker@gmx.de

Vielen Dank! Bis zum nächsten Jahr und Mal.