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Nur tote Flöhe beißen gegen den Strom
Glanz und Elend des Zeitschriftenherausgebens

Ein kurzer Bericht über die Historie der Madame Härter,
denn hysterisch ist sie nicht

Der folgende Artikel erschien zur Mainzer Minipressenmesse im Mai 2001 als Buchbeitrag der Jahreszeiten-Schrift für Sinn, Unsinn, Sprache, Philosophie und Lebensfreude
"Das Dosierte Leben" in Mannheim unter dem Motto einer, ich zitiere Herausgeber Jochen König: auto-biographischen Betrachtung einer hedonistischen und gleichzeitig masochistischen Spezies zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

TEIL 1: Das Elend

Epiloganekdote

Ich kann mich noch genau der Worte des SUBH-Herausgebers Andreas Reiffer aus dem Jahr 1996 erinnern: So bescheuert kann man doch gar nicht sein! Du willst AUCH eine Zeitung machen? Keineswegs sah er in meinem später umgesetzen Vorhaben eine reale Bedrohung seiner Verlagsexistenz, nein, er meinte es wirklich nur gut mit mir. An der personifizierten Erscheinung, ja an der fortschreitenden körperlichen Verwandlung vom jugendlich frischen, meist blauhaarigen SUBH-Herausgeber, welche sich vor allem während der letzten Ausgaben 25-33 drastisch in eine, sagen wir mal behäbige verwandelte, spiegeln sich seine eigenen Warnworte wieder. Zwar sollte man hier den nagenden Zahn der Zeit nicht aus dem Spiel lassen, was mich jedoch kaum von der Feststellung abbringt: Zeitschriften herausgeben, das schärft besagte Kauleiste um so mehr.
Warum so verdrießlich? Ich kann alles erklären, mein Schatz!

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Aus der Quelle entspringt ein Fisch

In der pränatalen Härter-Phase meines kleinen, beschaulichen Autorenlebens war ich es, der nach Veröffentlichungen meiner Werke auf allen Kanälen strebte. Das funktionierte sogar manchmal; Fanzines, Punk- und Literaturmagazine bedankten sich artig für mein Mitwirken und schickten das übliche Belegexemplar. Andere Schaltzentralen der Subkultur ließen nie von sich hören, weitere lehnten meine Texte aus mir unverständlichen Gründen ab. Im Laufe meines ersten Autorenjahres, 1995, standen so 45 abgeschickte Textpakete gegen 12 Veröffentlichungen. Ein guter Schnitt wie ich fand, doch ich war sechs Jahre jünger und unklüger als heute, ich wollte mehr und mußte unbedingt noch wichtiger werden. Was war zu tun? Genau - eine eigene Zeitschrift auf den Markt der Unmöglichkeiten werfen. Nichts wie mittun und aufzeigen in der Abgrundschule des vielzitierten, lyrischen Untergrundes. Anfang 1996 bezog dann die Ausgabe 0 der Härter in meinem kleinen Zimmer einhundertfach Quartier. Der milkalila Umschlag sah von oben nach unten in etwa so aus: HÄRTER 0 - SOCIAL BEAT - ein besonders fieses Klaus Kinski-Bild in der Mitte - 3 Mark 50. Die Texte darin hatte ich mit oder ohne Einverständnis einiger Autorenkollegen aus ähnlich zusammengeschusterten Heften abgetippt. Fortan gewann die Härter in ihrer postnatalen Phase eine gewisse Eigendynamik. Die aktuelle Nummer 7, geadelt zur "Sissi-Syndrom-Sonderausgabe", spielt bereits in der Bundesliga der Literaturmagazine, was Layout, Auflage, Resonanz und relativ angemessene Verkaufszahlen belegen sollen.

Das Elend ist kurz wie ein schlecht riechender Ton

Um diesen mir zugedachten Teil 1 des Themas abzuschließen, resp. mit dem Glanz des Zeitschriftenherausgebens zu beginnen, folgende Worte an die werte Kundschaft des Dosierten Lebens:
Es ist alles furchtbar. Es ist grausam, ja banal und brutal. Es bringt einen um finstere Ecken, es köpft den Verstand bei lebendigem Leib. Es ist irreal, kreativ, bescheuert, hart am Limit, unnachgiebig, eifersüchtig, dickköpfig, wirr. Es sticht ins Beefsteak, als solle das Rind nochmals umgebracht werden. Es ist hirnverbrannt, obszön, schmutzig, verwaschen, eingelaufen. Es ist uahhh... wie die siebenköpfige Hydra, furchterregend, fettig, glibberig und tranig. Es stinkt zum Himmel wie Methangas aus Kuhhintern, trieft, mieft, keucht, sabbert und schleimt. Es reitet durch Nacht, Funkverkehr und Wind, einer SMS-Kavallerie gleich. Es riecht nach Kraut und Rüben, Urinstein und niemals gewechselten Pampers bis ins hohe Alter hinein. Es raubt einem nicht nur die geschmacklichen Nerven, es nervt. Es wirkt angenehm wie Höllenstein am fischigen, saftigen Schambereich, wie ein gesunder Biß auf Aluminium. Es bereitet Freude, wie der erste Besuch beim Zahnarzt nach 15 Jahren, es zieht durch alle Ritzen, Därme und fleucht durch endstomatisierte Bäuche. Es reimt sich nie so ganz wie Hans der kann's den Tanz. Es brennt futsch wie Bauers' Scheune, geht oftmals viel zu schnell zu Ende, ist es auch ein langes, dorniges, ja stachliges Unterfangen - das Leben, äh das Herausgeben von Zeitungen, was sich irgendwie und irgendwo in seiner Klimax dann doch gegenseitig bedingt.

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TEIL 2: Der Glanz

Expeditionen ins andere Blau

Härter machen ist wie Sex mit sich selbst machen.
Arena frei - und das Publikum liest mit!

Die neue Nummer ist da. Der Postmann schleppte sie heran ans Haus; für die vier Paketsendungen aus den beiden Druckwerkstätten benötigt er seit der Nummer 7 zwar eine digitale Unterschrift, sonst hat sich im Lauf der Zeit wenig geändert. Damit sei die Vorfreude gemeint, eine mit schneller Schere geöffnete, eine großartige, gar glänzend koitale. Nennen wir sie in meinem Falle: Härter praecox.

Stille Momente des Glücks, leicht und sinnfrei, wechseln sich ab mit den Na-ja-Augenblicken, den Auweia! Tippfehler-Kategorien, den Druckrechnungs-Attitüden. Ein wonniges Wannenbad der Gefühle durchfließt den Torso des Herausgebers. Echt pfarrer-kneipp-like. Jetzt nur noch für 200 Mark Postwertzeichen auftreiben, Umschläge, Etiketten, dann läuft der Hase vor des Lesers Flinte. Welchen Wert hat Geld schon in solchen Momenten? Zwar bräuchte er, der Herausgeber, dringend neue Schuh' und Strümpf', sein Kühlschrank kommt einem Grönland im ewigen Eis sehr nahe, doch das ist nun alles Western von gestern.

Der Herausgeber startet ein letztes Mal energiegebündelt durch, verpackt, stempelt, beleckt die unpraktischen 2 Marken pro Büchersendung, klebt sie eiligst auf den Umschlag. Drei hingegen praktische Klappkörbe aus Plastik werden zur Hauptpost gefahren, dort übergeben; nun hat er alles getan, alles gegeben. Sein letztes Geld, sein unruhiges Leben, was bereits wieder mit neuen Ufern und Ausgaben behaftet nie rosten soll, nie rasten mag. Dann ist das Tagewerk vollbracht, einige Fläschchen Wein dürfen geleert, ein Pizzakarton seines Inhaltes beraubt werden.

Die Aussichten auf die kommenden Wochen und Monate sind stets ungewisse. Warum?  Wer geben will, soll nehmen dürfen, was in seiner biblischen Auslegung soviel bedeutet wie: jetzt muß die Kohle auch langsam wieder zur Springflut werden, nicht mehr zur Ebbe.

...und in genau diesen Zeiten sollte man den Herausgeber möglichst fern halten vom restlichen Übel der Welt, resp. seine neueste Errungenschaft huldigen, ja würdigen. Unbedingt wichtig sind ihm freundliche Rezensionen in Bild, Text und Ton, Lobhudeleien am Telefon, via Email oder Flaschenpost. An Büchertischen in den Bäuchen und Bräuchen der Subkultur will er neue Kundschaft gewinnen, hinaus muß das Heft ins Land, hinein in die dunkelsten Stuben der Autobahn-Dixielands. In den Literaturarchiven möge es für die Nachwelt erhalten bleiben, denn ein alter Schreibersatz gilt auch für das wiehernde, weit  mehr als siebenköpfige Gebirge der Herausgeberei:
Berühmt wirst Du erst, wenn Du nicht mehr bist.

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